Kik-Geschäftsführer Arretz : "Alle feilschen um den letzten Cent"

06.08.2012 13:28 Uhr

Die Textilkette Kik hat sich auf das Billigsegment spezialisiert. Mit dem Tagesspiegel spricht Geschäftsführer Michael Arretz über die Schlecker-Pleite, Löhne in Bangladesch und den Regensommer.

Einkleiden für 30 Euro - von den Socken bis zur Krawatte. Bleibt das Ihr Motto?



Die Grundausstattung wird günstig bleiben, die modischeren Sortimente kosten natürlich etwas mehr, weil sie aufwendiger herzustellen sind. Bei Abercrombie zahlen die Kunden für die Marke und legen für ein T-Shirt 40 Euro hin. Ein ähnliches Shirt bei uns kostet 6,99 Euro.

2010 gab es Kritik wegen der Fabriken in Bangladesch, die Kik beliefern – Kinderarbeit, ausbleibende Löhne, Überstunden bis zur Erschöpfung. Was hat sich geändert?

Wir hatten bereits 2006 einen Verhaltenskodex für unsere Lieferanten verpflichtend eingeführt. 2007 wurde eine eigene Abteilung für Sozialverantwortung und ein Auditierungssystem aufgebaut. Wir lassen die Lieferanten von unabhängigen Instituten und Dienstleistern wie dem Tüv Rheinland prüfen, um sicherzustellen, dass internationale Sozialstandards eingehalten werden. Bei Missständen durchlaufen unsere Lieferanten ein Qualifizierungsprogramm, bei weiteren Verstößen beenden wir die Zusammenarbeit. Seit den Vorfällen 2010 hat Kik eine eigene Serviceunit mit zehn Mitarbeitern in Bangladesch, die die Nähereien überprüfen. Und auch wir in der Geschäftsführung sind immer wieder vor Ort. Allerdings können wir nicht überprüfen, unter welchen Bedingungen in den Vorstufen gearbeitet wird, also bei der Produktion und beim Färben der Stoffe.

Reichen zehn Kontrolleure für mehr als 100 Lieferanten und 200 Produktionsstätten?

Wir wissen, dass wir in den vergangenen Jahren Fehler gemacht haben und zu Recht kritisiert wurden. Kik hat noch einen weiten Weg vor sich, aber dafür bin ich auch in die Geschäftsführung berufen worden. Wir engagieren uns bei der Kontrolle der Lieferanten stärker als viele Wettbewerber – obwohl wir ein Discounter sind.

Besonders der Kik-Gründer Stefan Heinig galt früher als knallharter Einkäufer, der Margen von 60 Prozent und mehr verhandelte. Setzen Sie die Zulieferer bei den Preisen noch so massiv unter Druck?

Wir lassen unsere Sachen in den gleichen Fabriken nähen wie die Markenhersteller. Dort bekommen alle Näherinnen die gleichen Löhne, ob sie ein T-Shirt für 2,99 Euro oder für 100 Euro herstellen. Unsere Einkäufer verhandeln nicht härter als die anderer Hersteller.

Aber die Kik-Margen sind viel kleiner als die von Abercrombie.

Alle feilschen um den letzten Cent. Wir sichern mit unseren Großaufträgen manchen Lieferanten wochenlang die Auslastung, weil wir gleich 350 000 Teile bestellen. Zudem ist bei uns der Zeitdruck geringer als bei Modeherstellern, die alle paar Wochen eine neue Kollektion in den Läden haben müssen.

Wie sollen bei einem T-Shirt-Preis von 2,99 Euro vertretbare Löhne möglich sein?

Die Personalkosten der Lieferanten liegen zwischen zehn und 30 Cent pro T-Shirt. Wir sparen aber nicht an den Löhnen der Näherinnen, sondern drehen an anderen Stellschrauben – Mengenrabatte bei den Stoffen, Transport per Schiff oder Zug statt mit dem Flugzeug, weniger Werbung und teures Ladendesign.

Auch wegen der Arbeitsbedingungen in Deutschland geriet Kik in die Kritik. Heute zahlen Sie 7,50 Euro pro Stunde. Sind Sie für einen Branchenmindestlohn?

Einen tariflichen Branchenmindestlohn würden wir begrüßen, dann würde Waffengleichheit herrschen. Und wenn die Leute mehr Geld in der Tasche haben, geht es am Ende auch dem Handel besser.

Der Handel drückt die Löhne häufig über Werkverträge. Wie ist das bei Ihnen?

Leiharbeiter und Werkverträge gibt es bei uns nicht. Von unseren 17 500 Mitarbeitern sind 75 Prozent sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Und der Rest?

Sind Minijobber. Damit liegen wir unterhalb des Durchschnitts im Einzelhandel. In Berlin liegt der Anteil mit einem Drittel etwas höher, in Nordrhein-Westfalen sehr niedrig.

In der Hauptstadt haben Sie 67 Filialen. Lohnt sich hier nicht die Expansion, auch wegen der schwachen Sozialstruktur?

Ja, wir müssten hier eigentlich mindestens 100 Filialen haben. Es gibt noch einige weiße Flecken zum Beispiel in Einkaufscentern. Die wollen wir bald besetzen.

Das Gespräch führten Jahel Mielke und Henrik Mortsiefer.

DER MANAGER

Michael Arretz wurde 2010 in die Geschäftsführung des Textildiscounters Kik berufen, um sich um Kommunikation und Nachhaltigkeit zu kümmern. Zuvor war die Kette wegen der Arbeitsbedingungen bei Lieferanten in Bangladesch in die Kritik geraten. Der promovierte Biologe, 1960 in Bangkok geboren, arbeitete mehr als 17 Jahre beim Otto-Handelskonzern. Arretz ist verheiratet und hat zwei Söhne.

DIE KETTE

Kik, 1994 in Bönen in Nordrhein-Westfalen gegründet, gehört zu 80 Prozent dem Handelskonzern Tengelmann. Auch die Woolworth-Eignerin HH Holding hält Anteile. Kik hat deutschlandweit 2600 Filialen und beschäftigt bundesweit 17 500 Mitarbeiter.

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