Wirtschaft : Kinderbetreuung wird zum Standortfaktor

VANESSA LIERTZ

Immer mehr Berliner Unternehmen richten ihre eigene Kita einVON VANESSA LIERTZ

Würden Sie von Bonn nach Berlin umziehen ohne die Gewißheit, daß auch an der Spree eine zuverlässige Person auf Ihr dreijähriges Kind aufpaßt, während Sie die Brötchen verdienen? Wenn über Standortfaktoren gesprochen wird, geht es oft um Lohnnebenkosten und "Vorschriftendschungel".Kaum erwähnt, aber für viele fast ebenso wichtig: Die Kinderbetreuung.Ein zu Unrecht vergessener Standortfaktor, wie einige Politiker und Wissenschaftler meinen: Denn immer mehr Frauen müssen sich im Spagat zwischen Beruf und Familie erproben.Im Jahre 1995 etwa erfaßte das Statistische Bundesamt rund 1,7 Millionen berufstätige Mütter mit Kindern unter sechs Jahren und 62 000 alleinerziehende Väter.Wenn aber immer mehr Menschen zwischen Arbeitsplatz und Kinderzimmer hin- und herlavieren, steigt auch die Nachfrage nach Kinderbetreuung. Jüngstes Beispiel ist die Debatte des Bundestages um eine eigene Kindertagesstätte.Das Parlament beschloß, daß die Sprößlinge sämtlicher Bundestagsmitarbeiter in einer eigenen Kita neben dem künftigen Bundestagsgebäude in Mitte heranwachsen sollen."Viele Beamte wünschen, daß ihre Kinder in Arbeitsplatznähe versorgt sind", sagt dazu Thilo von Siegfried vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, der für die Koordination des Umzuges in Berlin zuständig ist.Denn von Bonn nach Berlin zögen zahlreiche Alleinerziehende.Nicht nur im Presseamt arbeiteten viele alleinstehenden Mütter ­ auch im Familienministerium. Doch neben den Bundesdienern quält auch andere die Frage, wie sie ihre Kinder unterbringen: Selbständige Eltern oder Angestellte in der freien Wirtschaft zum Beispiel.Sie schlagen unterschiedliche Wege ein.Die rund 1000 Mitglieder starke Berliner Genossenschaft "Weiberwirtschaft" etwa richtete jüngst in ihrem neuen Gründerinnenzentrum in Mitte eine Kita ein.Den 52 selbständigen Bäckerinnen, Ingenieurinnen oder Ladenbesitzerinnen sind 31 Plätze dieses Kindergartens vorbehalten, den ein freier Träger betreibt. Berliner Eltern geht es im Schnitt besser als anderen Bundesbürgern: Im Gegensatz zum übrigen Bundesgebiet kann Berlin für jedes Kind einen Kindergartenplatz gewährleisten.Doch die Spielhorte können manchmal Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt liegen.So fehlen nach Angaben der Koordinierungs- und Beratungsstelle für betrieblich geförderte Kinderbetreuung (Kobeki) im Westteil Berlins 18 000 Plätze in Kindertagesstätten.Kobeki, ein Modellprojekt von Bund und Ländern, soll die Zusammenarbeit zwischen Berliner Betrieben und Jugendhilfeträgern bei der Kinderbetreuung fördern.Inzwischen hat Kobeki rund 60 Unternehmen beraten, die Betreuung für die Kinder ihrer Mitarbeiter wünschten."Was wir empfehlen, kommt auf die Bedürfnisse an", sagt Kobeki-Mitarbeiterin Rita Brandt.Wer abends Theater spiele, brauche andere Betreuungszeiten als ein Bäcker, der früh morgens im Laden stehe.Eine attraktive, aber für die Unternehmen kostspielige Lösung ist der betriebseigene Kindergarten.Manche Großunternehmen wie Schering oder die Post AG in Berlin können sich das leisten.Kleinere Firmen sichern ihren Mitarbeitern zumindest einen Platz in einer Kita ­ meist in Kinderbetreuungsstätten mit freier Trägerschaft, sagt Brandt.Sie zahlen die Beiträge für die Plätze im Voraus oder verhandeln mit den Kitabetreibern über eine andere Art von Gegenleistung.So erzählt Brandt von einem Berliner Hotel, das sich verpflichtet hat, den Kindergarten für einen gewissen Zeitraum komplett mit Essen zu beliefern.Eine andere Kita erörtere gerade ihre Inneneinrichtung mit einem Theater, das die Räume renovieren und neu gestalten wolle, falls dafür Schauspielerkinder in der Kita spielen dürfen. Rita Brandt kennt die Vorteile der Betriebskitas für die Unternehmen: berufstätige Eltern arbeiteten besser, wenn das Kind gut versorgt sei.Zudem fehlten sie seltener, wenn sie sich nicht mit der Frage herumplagen müßten, wo sie ihre Kinder unterbringen können.Und die Eltern fühlten sich mehr zum Unternehmen zugehörig.Gerade hochqualifizierten Arbeitskräften käme solche Hilfe zugute.Denn gut ausgebildete Mitarbeiter zöge es früher an ihren Arbeitsplatz zurück, sagt Brandt, viele Frauen schöpften den dreijährigen Erziehungsurlaub nicht aus. Andere Länder sind uns hier voraus: In Frankreich zum Beispiel sei es viel leichter, sein Kind im Vorschulalter unterzubringen, betont Elke Knippschild vom "European Women Management Development Network", einer Frauenorganisation, der weltweit rund 1300 Mitglieder angehören.Deutschland müsse sich "schämen" gegenüber Ländern wie Dänemark, Schweden und Finnland, wo die außerfamiliäre Kinderbetreuung im Vorschulalter weitaus besser organisiert sei.Das Statistische Amt der Europäischen Gemeinschaften, Eurostat, hat ermittelt, daß Finninen und Französinnen, ihren Job wegen einer Mutterschaft erheblich seltener an den Nagel hängen als Deutsche.

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