Wirtschaft : Kirch-Gruppe: Bewegung im Poker um Premiere

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In die Verhandlungen um den Erhalt des Bezahlsenders Premiere ist Bewegung gekommen. Überlegungen des Bertelsmann-Konzerns, sich an Kirchs defizitärem Abo-Kanal zu beteiligen, wurden am Donnerstag in Branchenkreisen bestätigt. "Unter bestimmten Umständen ist ein Einstieg für Bertelsmann sinnvoll", sagte ein ehemals hochrangiger Manager des Medienkonerns dem Tagesspiegel. "Bertelsmann deckt mit den werbefinanzierten Sendern der RTL-Group schon wichtige Teile der Wertschöpfungskette ab - das Pay-TV fehlt noch." Auch der als Insolvenzverwalter eingesetzte Kirch-Geschäftsführer Wolfgang van Betteray zeigte sich optimistisch, dass bald eine Lösung für Premiere gefunden werde. "Es könnte schon in der kommenden Woche zu einem Ergebnis kommen", sagte van Betteray dem Fernsehsender "n-tv".

In den Gesprächen zwischen Banken und Gesellschaftern habe sich offenbar eine "professionelle Investorengruppe" formiert, die Premiere neu aufstellen könne, sagte der Ex-Bertelsmann-Manager. Für die Bertelsmann AG, die nach "Handelsblat"-Informationen eine Beteiligung von "unter einem Drittel" anstreben soll, wären vor allem die 2,4 Millionen Abonnenten interessant. "Das ist das Wertvollste an Premiere." Bertelsmann habe mit seinen Buch-Clubs und weltweit 80 Millionen Abonnenten genug Erfahrung bei der Abonnenten-Verwaltung.

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Weder Bertelsmann noch Premiere wollten am Donnerstag zum Stand der Verhandlungen Stellung nehmen. Ein Sprecher der RTL-Group wies lediglich darauf hin, dass das Bezahlfernsehen nicht zum Kerngeschäft des Unternehmens gehöre. "Unser strategisches Ziel ist und bleibt es, unsere Spitzenposition im werbefinanzierten Fernsehen in Europa weiter auszubauen", sagte er dem Tagesspiegel. Der Ausstieg aus dem Bezahlfernsehen im Jahr 1999 sei auch aus heutiger Sicht sinnvoll gewesen.

Kein kurzfristiger Einstieg

Bertelsmann war bis 1999 maßgeblich an dem verlustreichen Bezahlsender beteiligt, zog sich dann aber durch den Verkauf des Pakets für 1,2 Milliarden Mark (612 Millionen Euro) an Leo Kirch aus dem Geschäft zurück. Sollte es nun zu einer erneuten Bertelsmann-Beteiligung an Premiere kommen, müsste sich der Konzern vor allem mit dem Medienunternehmer Rupert Murdoch, den Hollywood-Studios und der Kirch-Gruppe einigen. Premiere braucht nach Einschätzung von Insidern 1,5 Milliarden Euro zum Überleben. Verhandlungskreisen zufolge stehen die Gespräche aber noch am Anfang. "Mit einem kurzfristigen Einstieg von Bertelsmann ist nicht zu rechnen." Vorstand Ewald Walgenbach, der für die Fernsehaktivitäten der Gütersloher zuständig ist, habe dem Vernehmen nach bislang sondiert, ob für Premiere mit neuen Eigentümern und einer "kräftig angezogenen Kostenschraube" ein "vernünftig finanziertes Geschäftsmodell" gefunden werden kann. "Wenn es einen neuen Businessplan gibt, könnte Bertelsmann-RTL ein Engagement als Ergänzung zu seinem Kerngeschäft eingehen", heißt es im Umfeld des Unternehmens.

Die Mitarbeiter des nach wie vor von der Insolvenz bedrohten Abo-Senders wollen unterdessen einen Betriebsrat gründen. Bei einer von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi einberufenen Betriebsversammlung in Unterföhring bestimmten 300 Angestellte einen Wahlvorstand. Wichtigste Aufgabe des Betriebsrates soll die Aushandlung eines Sozialplans bei möglichen Massenentlassungen sein. Senderchef Georg Kofler hatte die Streichung von mindestens 800 der knapp 2500 Stellen angekündigt.

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