Wirtschaft : Kirch-Gruppe: Insolvenzantrag für Kerngeschäft erwägt

mot/cbu/hps/HB

Die Kirch-Gruppe erwägt nach der Verzögerung der Sanierungsgespräche einen Insolvenzantrag für ihr Kerngeschäft. "Wenn alle Beteiligten die Verhandlungen für gescheitert erklären, stehen wir vor der Insolvenz", hieß es am Mittwoch in Unternehmenskreisen. Die Verhandlungen zur Rettung der mit mindestens 6,5 Milliarden Euro verschuldeten Medien-Gruppe waren in der Nacht zuvor ergebnislos vertagt worden, weil sich Gläubiger und Gesellschafter dem Vernehmen nach nicht darauf einigen konnten, wie die Lasten einer Sanierung verteilt werden sollen.

Am Mittwochnachmittag kamen die Parteien wieder zusammen, die Aussichten auf eine Einigung seien aber gering, hieß es in Verhandlungskreisen. "Wir haben nur noch wenige Tage Zeit", sagte ein Kirch-Insider. Insbesondere die Bereitstellung eines kurzfristigen Überbrückungskredits von rund 200 Millionen Euro und die langfristige operative Kontrolle der Kirch-Gruppe sind zwischen den Banken und den Minderheitsgesellschaftern strittig.

Kirch braucht die flüssigen Mittel in den nächsten Tagen, um laufende Rechnungen bezahlen zu können. Weder die Banken noch die Gesellschafter wollen sich aber allein engagieren. Die Gesellschafter der Kirch-Media - Berlusconis Firmen Mediaset und Fininvest, Rupert Murdoch, Lehman Brothers, Capital Research und Rewe - hätten bis zuletzt versucht, das Kirch-Kerngeschäft ohne finanzielle Gegenleistung zu übernehmen, hieß es am Mittwoch. Die Banken akzeptieren dies jedoch nicht und deuteten an, eine Insolvenz des Konzerns mit seinen rund 10 000 Mitarbeitern in Kauf zu nehmen. "Andere Fälle haben gezeigt, dass eine Insolvenz nicht die schlechteste Lösung ist", sagte ein Banker. Unter Umständen könne das Unternehmen nach der Entschuldung komplett weitergeführt werden.

Vertreter der Banken Hypo-Vereinsbank, Bayerische Landesbank, Commerzbank und DZ Bank hatten wochenlang mit den Kirch-Minderheitsgesellschaftern über die Kontrolle des Konzerns verhandelt. Das Kirch-Management ist an den Verhandlungen offenbar nicht mehr direkt beteiligt. Zwar bestätigten Kirch-Kreise, dass die jüngst eingesetzten externen Berater um den Düsseldorfer Anwalt Wolfgang van Betteray an den Gesprächen noch teilnehmen. "Entscheidend ist aber, ob sich die Banken und Investoren untereinander einigen." Die Aussichten dafür sind indes denkbar schlecht. "Murdoch und Berlusconi sind total zerstritten", sagte ein Beobachter dem Tagesspiegel. "Beide gemeinsamen unter einem Dach sind nicht vorstellbar." Nach dem wahrscheinlichen Rückzug Leo Kirchs aus dem Unternehmen bereitet offenbar auch Geschäftsführer Dieter Hahn seinen Abschied vor. "Er wird aus Loyalität zu Leo Kirch mitgehen", heißt es in seinem Umfeld.

Bestätigt wurde in Unternehmenskreisen, dass an diesem Donnerstag Verhandlungen mit Rupert Murdoch in den USA geplant sind. Dem Vernehmen nach wollen einige Gläubigerbanken daran teilnehmen, darunter auch die Bayerische Landesbank. Bei den Gesprächen, an denen die großen US-Studios beteiligt sein sollen, mit denen Kirch Verträge abgeschlossen hat, könnten auch die Konditionen der Hollywood-Deals nachverhandelt werden. Spekuliert wird, dass sich die Studios möglicherweise direkt an Kirch beteiligen könnten. "Denkbar, dass es auch dazu Aussagen der Studios geben wird", sagte ein Bankenvertreter.

Kirch muss möglicherweise im Mai 100 Millionen Dollar aufbringen, falls der Münchner Konzern eine Klage gegen das Hollywood-Studio Universal verliert. Bei den Filmlieferanten hat Kirch insgesamt Schulden in dreistelliger Millionenhöhe. Universal, Tochter des Medienkonzerns Vivendi, beklagte am Donnerstag, dass die US-Majors bisher nicht in die Sanierungsgespräche einbezogen wurden. "Statt mit uns zu reden, wird offenbar viel über uns geredet", kritisiert der deutsche Universal-Chef Wolfram Winter. Um das Schicksal der Filmrechte könnte im Falle einer Insolvenz ein langwieriger Rechtsstreit entstehen. Das träfe auch die Gläubigerbanken, die diese Rechte während eines Streits kaum verwerten könnten.

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