Wirtschaft : Kirch-Gruppe: Kommentar: Der wahre Mogul sitzt auf dem Sofa

Nie war Kirch so wertvoll wie heute. In der Stunde des Abschieds tragen selbst jene Trauer, die ihn stets als die dunkle Macht hinter den deutschen Fernsehkulissen kritisiert und gefürchtet haben. Kirch der Strippenzieher, der konservative Lobbyist, der Kohl-Freund und Milliarden-Absahner. Kirch taugte für Gangstergeschichten. Freund und Feind haben sich an ihm abgearbeitet, weil er polarisierte.

Und jetzt sind alle plötzlich seine Freunde. In der Stunde, da Kirchs "Lebenswerk" ausverkauft wird, weil jetzt die Banken das Sagen haben, warnen selbst die Intendanten von ARD und ZDF vor den Folgen seiner Kapitulation. Eine zumindest ungewohnte Tonlage. Ein bisschen Verlogenheit klingt darin auch mit. Als es in vergangenen Schlachten mit Leo Kirch um Fußballrechte, Jugendschutz und Schmuddel-TV ging, haben die Öffentlich-Rechtlichen noch eine andere Sprache gesprochen. Da stritt das Qualitätsfernsehen gegen die private TV-Verrohung. Doch das, was die Kombattanten von einst heute umtreibt, schaltet ihr Langzeitgedächtnis aus: die Sorge um die Zukunft des Medien-Gleichgewichts in Deutschland. Anders ausgedrückt: Die Hunnen kommen, die italienischen und die australischen.

Der Eintritt Rupert Murdochs und Silvio Berlusconis in den deutschen Medienmarkt lässt die Fernsehgewaltigen eine neue Drohkulisse aufbauen. Zwei besonders kaltschnäuzige Vertreter der Branche stünden bereit, das deutsche Rundfunksystem aus den Angeln zu heben, so lautet ihre Warnung. Falsch liegen sie damit sicher nicht. Die rüden Sitten der neuen Hauptdarsteller werden den deutschen Medienmarkt verändern. Die von Fernsehstationen und Zeitungen verbreiteten Inhalte sind Massenwaren für Murdoch und Berlusconi. Es zählt, was sich auszahlt. Egal, ob es Pornos, Krawall-Talks oder US-Ramsch sind, die über den Bildschirm flimmern. Hauptsache, die Rendite stimmt. Und im Zweifel kann man damit auch noch Politik machen, je nach Geschmack der Mogule und mit wechselnden Verbündeten.

Berlusconi - der sich bei Kirch bisher noch in der Defensive hält und Murdoch den Vortritt lässt, bis dieser sein Imperium an seine Nachfahren abtritt - kennt sich damit besonders gut aus. Der Einfluss des Ministerpräsidenten auf das italienische Fernsehen, das er stets für seine politischen Ziele instrumentalisiert, lässt deutsche Medienpolitiker erschaudern. Der aggressive KampagnenJournalismus in Murdochs britischen Boulevardzeitungen ist auch in Deutschland präsent, seit der Australo-Amerikaner Interesse an "Bild" erkennen lässt.

Was hatten wir also an unserem guten alten Kirch, das die deutschen Medienunternehmer und -politiker so zittern lässt? Wahrscheinlich wenig mehr als wir künftig haben werden. Bei aller Aufregung über die politischen Spiele, die Murdoch und Berlusconi mit ihren Medienimperien spielen, sollte nicht vergessen werden, dass auch das deutsche Gebührenfernsehen in festen, parteipolitischen Händen ist. Und die Machtverteilung zwischen ARD / ZDF, Bertelsmann-RTL und den (Ex)-Kirch-Sendern stört ein Eigentümerwechsel in München jedenfalls vorerst nicht. Zur Hysterie besteht also vorerst kein Anlass.

Wettbewerbs- und Mediengesetze und die Verfassung des dualen Rundfunks in Deutschland werden Murdoch und Berlusconi Grenzen setzen. So würde etwa der Versuch, das italienische Modell in Deutschland zu kopieren, die Medienöffentlichkeit alarmieren. Mit der offenen Verquickung von politischen und geschäftlichen Interessen hat sich Berlusconi schon international keine Freunde gemacht. Auch in Deutschland wird er sie sicherlich nicht finden.

Am Ende wird der Zuschauer über Erfolg und Misserfolg der neuen Herren im Hause Kirch entscheiden. Er ist der wahre Mogul, Herr über die Fernbedienung, er entscheidet, was er sehen will. Solange man ihm die Wahl lässt zwischen öffentlich-rechtlich finanzierter Qualität und privatem Angebot. Der Aufstand, den die Verschiebung der Bundesliga-Sendezeiten bei Sat 1 provoziert hat, mit der Kirch sein defizitäres Bezahlfernsehen Premiere sanieren wollte, zeigt, was Murdoch und Berlusconi von Kirch lernen können - und werden. Fernsehgewohnheiten lassen sich nicht so leicht globalisieren wie Medienbeteiligungen.

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