Wirtschaft : Kirch-Pleite: Banken sehen Kirch am Wendepunkt

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Das Kerngeschäft und ein Großteil der rund 6000 Arbeitsplätze der Kirch-Media sollen erhalten bleiben. Nach dem am Montag wie erwartet eingereichten Insolvenzantrag soll das Unternehmen im Rahmen eines so genannten "Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung" neu aufgestellt werden. Ein Einstieg ausländischer Investoren wird weiter erwogen. Verwirrung herrschte am Montag über einen möglichen Insolvenzantrag von Kirch-PayTV.

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Trotz des Insolvenzverfahrens sehen die Gläubigerbanken und die eingesetzten Sanierer gute Überlebenschancen für die zentralen Geschäftsbereiche Film- und Lizenzhandel, Sportrechte und die Sendergruppe Pro Sieben Sat1. Der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffe betonte, eine Zerschlagung solle verhindert werden. Die Insolvenz bedeute nicht den Endpunkt, sondern einen Wendepunkt, sagte Wolfgang Hartmann von der Commerzbank. Der von Kirch als Sanierungsexperte und vorläufiger Geschäftsführer berufene Wolfgang van Betteray sagte, die Kosten der Kirch-Media könnten in den kommenden Monaten um einen dreistelligen Millionenbetrag gesenkt werden. Die Banken seien bereit, der zahlungsunfähigen Gesellschaft einen notwendigen Massekredit zur Verfügung zu stellen, um die Geschäftstätigkeit aufrecht zu erhalten. Bis Anfang Juli benötige die Kirch-Media einen dreistelligen Millionenbetrag, um die Liquidität zu sichern. Insgesamt fehle Kirch-Media mindestens eine Milliarde Euro frisches Eigenkapital.

Mit den Hollywood-Studios, dem Weltfußballverband Fifa und dem Deutschen Fußballbund sollen nun Nachverhandlungen stattfinden. Dabei sollen insbesondere überteuerte Verträge mit den Filmstudios zu Gunsten der "neuen Kirch-Media" geändert werden. Laut van Betterays schuldet Kirch-Media den großen US-Filmstudios rund 500 Millionen Euro. Die sonstigen Verbindlichkeiten beliefen sich auf 1,4 Milliarden Euro. Trotz der Außenstände in Hollywood solle erreicht werden, dass die Studios weiter liefern. Die Übertragungen der Bundesliga und der Fußball-WM seien nicht gefährdet.

Überraschend teilten die Sanierer mit, in den Büchern der Kirch-Media sei eine Put-Option des Ex-EM.TV-Vorstands Thomas Haffa aufgetaucht. Sie sei im Juni 2001 im Zusammenhang mit der Übertragung von Formel 1-Rechten von EM.TV an Kirch-Media vertraglich vereinbart worden und habe einen Wert von 90 Millionen Euro.

Die Geschäftsführung der Kirch-Media bleibt vorerst im Amt. "Wir sind auf die Erfahrungen und die Kompetenz des Führungsteams angewiesen", sagte van Betteray. Leo Kirch habe indes erklärt, dass er sich aus dem Unternehmen zurückziehen werde. "Ich kann mir gut vorstellen, dass Herr Hahn uns auf unsere Bitte hin weiter zur Verfügung steht", sagte van Betteray.

Hartmann sagte, die Banken "sehen sich bei Kirch weiter in der Verantwortung" und seien bereit, Kirch-Media auch als Eigenkapitalgeber zur Verfügung zu stehen. Voraussetzung dafür sei aber, dass alle Beteiligten, einschließlich der Gesellschafter der Kirch- Media, einen "eigenen, substanziellen Beitrag leisten". Nach den Vorstellungen der Sanierer sind auch in- und ausländische Investoren eingeladen, sich an einer Neuaufstellung des Medienkonzerns zu beteiligen. Ob es sich dabei auch um Silvio Berlusconi oder Rupert Murdoch handele, sei noch offen. "Es steht viel auf dem Spiel", so Hartmann. Ein Scheitern der Sanierung werde "spürbare Folgen für alle Marktteilnehmer des Medienmarktes in Europa haben".

Mit dem am Montag beim Amtsgericht München eingereichten Insolvenzantrag der Kirch-Media GmbH & CoKG ist die gemessen am Schuldenstand größte Firmenpleite Deutschlands perfekt. Kirchs Hauptgläubigerbanken Bayerische Landesbank, DZ Bank, Commerzbank und Hypo-Vereinsbank werden umgehend intensive Gespräche mit Investoren aufnehmen. "Auch der Axel-Springer-Verlag könnte dabei sein", sagte Wolfgang van Betteray. Die Verkaufsoption des Springer-Verlags über 11,5 Prozent an der Senderfamilie Pro Sieben Sat 1 für 767 Millionen Euro dürfte nach der Insolvenz von Kirch-Media wertlos sein. Ein Tausch der Option gegen einen größeren Anteil an Kirchs Fernsehgruppe, über den zuletzt spekuliert worden war, kommt damit nicht in Betracht. Es könne aber durchaus sein, dass es "neue leistungsfähige Interessenten" gebe. "Ich glaube, die Investoren werden sich um Kirch-Media reißen", glaubt Commerzbank-Vorstand Hartmann.

Unklar blieb am Montag, inwieweit die Insolvenz von Kirch-Media auch den Bezahlsender Premiere berührt. "Wir haben keinen Insolvenzantrag gestellt und wir werden heute keinen Insolvenzantrag stellen", sagte ein Premiere-Sprecher. Dem Vernehmen nach verhandelt der Bezahlsender weiter mit Rupert Murdoch, der noch 22 Prozent der Anteile hält, über eine Komplettübernahme. Murdochs Ausstiegsoption, die Kirch im Oktober 1,7 Milliarden Euro kosten würde, bleibt erhalten.

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