Wirtschaft : Kirch-Pleite: Konzern-Krise trifft EM.TV hart

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Die Kirch-Krise wird "die Überlebensfähigkeit von EM.TV nicht in Frage stellen". Mit diesen Worten trat am Donnerstag Werner Klatten, der Vorstandschef der Münchner EM.TV & Merchandising AG, Befürchtungen entgegen, die enge Verflechtung mit Kirch werde seinen Konzern gefährden. Allerdings drohten dem am Neuen Markt notierten Unternehmen wegen Kirch hohe Sonderabschreibungen, die die laufende EM.TV-Sanierung erschweren könnten. Den möglichen Umfang der Wertberichtigungen bezifferte Klatten nicht.

"Im Extremfall" sei die Restbeteiligung von EM.TV an der Formel 1 wertlos, die noch mit einem Buchwert von 256 Millionen Euro in den Büchern des Konzerns steht. Das gelte für den Fall, dass die Banken, denen die 17-Prozent-Beteiligung am Rennsport-Vermarkter Slec als Sicherheit für Kirch dient, diese in Anspruch nähmen. Die Bayerische Landesbank und andere Kirch-Gläubigerbanken hatten im Jahr 2001 Kirchs Einstieg in die Formel 1 mit Krediten in Höhe von 1,1 Milliarden Dollar finanziert und dafür das gesamte Formel 1-Paket inklusive der bei EM.TV verbliebenen Anteile mit einem Pfandrecht versehen.

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EM.TV rechnet auch damit, dass es Sonderabschreibungen im Zusammenhang mit Kirchs Pay-TV geben muss. Für den Fall einer Pleite von Premiere kämen auf Junior-TV, das Gemeinschaftsunternehmen von EM.TV und Kirch, elf Millionen Euro Umsatzausfall zu. Der Umfang der Abschreibungen könne er noch nicht nennen, sagte Klatten, weil er mit Wirtschaftsprüfern diskutiert und noch in der EM.TV-Bilanz 2001 berücksichtigt werden soll. Deshalb sei die Vorlage der Jahreszahlen auch auf Ende April verlegt worden. Umsatzausfälle mit dem Kirch-Sendern Pro Sieben und Sat 1 erwartet EM.TV nicht.

EM.TV böten sich künftig im TV- Markt neue Chancen, weil das Unternehmen nun nicht mehr an seine strategische Partnerschaft mit Kirch gebunden sei. So sehen alte Kirch-Verträge vor, dass EM.TV im Fall der jüngst erfolgten Insolvenz von Kirch Media den 50-prozentigen Kirch-Anteil am Gemeinschaftsprojekt Junior-TV erwerben kann. Der Preis sei nicht fix vereinbart, sondern eine offene Bewertungsfrage. Zugriff könnte EM.TV im Zuge der Kirch-Krise auch auf weitere Anteile am Filmproduzenten Constantin Film AG erhalten. Kirchs Anteil von 21 Prozent wird über dessen Teilkonzern Kirch Beteiligungen gehalten, der bislang nicht Insolvenz angemeldet hat. Falls dies geschehe, könne EM.TV Teile des Kirch- Pakets übernehmen und den eigenen Anteil an Constantin von derzeit 16 Prozent auf 26 Prozent aufstocken, sagte Klatten. Eine Finanzierung sei problemlos möglich, weil diese Kaufoption auf Basis niedriger Constantin-Buchwerte geschlossen wurde.

Nicht betroffen sei EM.TV von einem Vertrag, den der ehemalige EM.TV-Gründer Thomas Haffa mit der insolventen Kirch-Media geschlossen habe, sagte Klatten. Eine am Montag überraschend von den Insolvenzverwaltern präsentierte Put-Option Haffas erklärte Klatten so: Kirch-Media habe Haffa 2001 nach dem Verkauf von 25,1 Prozent an Klatten eine Verkaufsoption auf dessen restliche EM.TV-Anteile von gut 17 Prozent zum Fixpreis von 90 Millionen Euro gewährt. Dieser Deal sei angesichts der Insolvenz von Kirch-Media völlig wertlos und für EM.TV ohne jede Bedeutung.

Dennoch ist die Liquiditätslage von EM.TV weiter angespannt. Weil bis Ende des Jahres sukzessive eigene Kredite fällig werden, sei man zum Verkauf von Beteiligungen gezwungen, sagte Klatten. Trennen werde man sich deshalb, wie schon früher angekündigt, vom US-Konzern Jim Henson Company und der Beteiligung an der heimischen Tele München-Gruppe (TMG). Beides sei schmerzhaft, weil der durch die Muppetpuppen bekannte US-Konzern das eigene Kerngeschäft betreffe und TMG zu den "Kriegsgewinnlern" der Kirch-Krise zähle, sagte Klatten. TMG besitzt hinter Kirch die größte Filmbibliothek Deutschlands.

Für das eigene Geschäft setzt Klatten auf die vom Fußballweltverband Fifa erworbenen europaweiten Merchandisingrechte für die Fußball-WM 2006 in Deutschland. Welche Umsatz- oder Gewinnimpulse dieser Deal für EM.TV bringt, könne er zwar wegen vereinbarter Vertraulichkeit des Deals nicht sagen. In jedem Fall sei das Geschäft aber eine solide Basis für die nächsten Jahre. Die Fifa spricht von weltweit erwarteten Umsätzen mit WM-Lizenzprodukten von zwei Milliarden Dollar, wovon zwei Drittel auf Europa entfallen.

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