Wirtschaft : Kirche gegen Öffnung der Börse an Feiertagen

FRANKFURT(MAIN)/BONN (ro/AFP).Die Absicht der Frankfurter Börse, ab 1999 auch an vier gesetzlichen Feiertagen den Wertpapierhandel offen zu halten, ruft nicht nur bei Gewerkschaften scharfe Proteste hervor.Auch Kirchenvertreter kritisieren den Plan, der allerdings noch nicht beschlossen ist, weil die Rechtslage noch nicht geklärt ist und auch die arbeitsrechtliche Genehmigung durch das Bundesministerium für Arbeit noch aussteht.Die Börse will vom kommenden Jahr an - wie bereits im November entschieden - auch an Christi Himmelfahrt, am Pfingstmontag und am 3.Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit handeln.

Damit hat sie an ihren ursprünglichen Plänen schon Abstriche vorgenommen.Denn eigentlich sollte die Börse auch am zweiten Weihnachtstag ganz und an Heiligabend und Silvester jeweils halbtags geöffnet haben.Die Börse wollte damit an all jenen Tagen aktiv sein, an denen auch das europäische Zahlungsverkehrssystem Target läuft.Es ist lediglich am 25.Dezember und Silvester außer Funktion.Der Börsenrat entschloß sich dann allerdings in der vergangenen Woche zur Streichung jener nur vier genannten Feiertage.

Damit will die Börse nach Angaben von Presse-Sprecherin Sylvia Herbrich auch an den Tagen geöffnet haben, an denen in der Mehrzahl der Mitgliedsstaaten der Europäischen Währungsunion kein Feiertag auf dem Kalender steht."An diesen Tagen besteht ein vermehrtes Handelsbedürfnis vor allem für unsere ausländischen Kunden", betont die Börsensprecherin.Angeblich ist eine solche Regelung auch Teil der angestrebten Allianz der europäischen Börsen.

Ermöglicht wird eine solche Regelung grundsätzlich durch das Euro-Einführungsgesetz und das in diesem Zusammenhang 1997 von der alten Bundesregierung geänderte Arbeitszeitgesetz.Allerdings gibt es verschiedene Auslegungen.Die Gewerkschaften jedenfalls wollen die Feiertagsarbeit an der Börse verhindern, zur Not sogar mit dem Gang vor das Verfassungsgericht.

Von der Regelung wären schließlich nicht nur die Beschäftigten an der Frankfurter Börse, sondern auch ein Großteil der rund 765 000 Mitarbeiter von Banken und Sparkassen betroffen.Nach Ansicht von DAG, der Deutschen Postgewerkschaft, der ÖTV sowie der Gewerkschaft Banken, Handel und Versicherungen (HBV) kann nur eine Novellierung des Arbeitszeitgesetzes die drohende Feiertagsöffnung von Börsen und Banken verhindern.

Die alte Bundesregierung habe mit der Änderung des Arbeitszeitgesetzes den Feiertagsschutz praktisch ausgehebelt.Nur der 1.Weihnachtstag und der Neujahrstag sollten danach künftig arbeitsfrei bleiben.Arbeitsminister Walter Riester hält eine erneute Gesetzesnovelle aber für nicht erforderlich, der Börse könne auch auf Grundlage des derzeit gültigen Gesetzes die Öffnung an den vier Feiertagen untersagt werden.

Mittlerweile allerdings muß sich die Börse nicht nur mit der Kritik der Gewerkschaften auseinandersetzen.Auch die Kirche hat sich zu Wort gemeldet.Der Sonn- und Feiertagsschutz dürfe nicht "schnöden Wirtschaftsinteressen" geopfert werden, meint die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen."Wir müssen weiter auf unsere Gegenwerte von Glaube, Liebe und Hoffnung setzen gegen die vorherrschende Anbetung des Goldenen Kalbes".Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Bischof Karl Lehmann, bemängelte am Dienstag einen "leichtfertigen Umgang mit den religiösen, kulturellen und sozialen Werten, die den Feiertagen zugrunde liegen." Wann eine endgültige Entscheidung über die Feiertagsarbeit der Börse fällt, ist dem Vernehmen nach noch offen.

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