Klamme Krankenhäuser : Der russische Patient - Hoffnung für deutsche Kliniken?

Seit Jahren beschweren sich die Krankenhäuser über Kürzungen von Gesundheitsausgaben. Auf der Suche nach zusätzlichen Einnahmen werben sie um Patienten aus Russland oder dem arabischen Raum, bieten Luxusstationen und Vollversorgung. Aber lohnt sich dieser Aufwand?

Simon Frost
tsp_Herz OP2_ddp
Ärzte bei einer Herz-OP: Vor allem für solch spezielle Eingriffe kommen Patienten nach Deutschland. -Foto: ddp

BerlinDimitri B.* verabschiedet sich von seinen Kollegen. Der PR-Manager aus Düsseldorf hat ein paar Tage frei genommen. Urlaub macht er aber nicht. Dimitri wird die nächsten Tage hauptsächlich im Krankenhaus verbringen, am Bett eines reichen Landsmanns aus der Ukraine.

"Ich habe einen befreundeten Arzt in der Klinik", erzählt Dimitri. Von Zeit zu Zeit fordert der Freund ihn an, um sich im Krankenhaus um Patienten aus Russland oder Dimitris Heimat, der Ukraine, zu kümmern. "Ich bin dann Mädchen für alles", sagt er. Er holt die Patienten vom Flughafen ab, übersetzt bei Untersuchungen, macht Besorgungen, zeigt der mitgereisten Familie die Stadt.

Mit seinem Teilzeitjob steht Dimitri am Ende einer Wertschöpfungskette, mit der vor allem große deutsche Krankenhäuser ihren klammen Etat aufbessern. Sie diagnostizieren, operieren und behandeln wohlhabende Russen oder Araber, die in ihrer Heimat keine entsprechende Therapie bekommen - oder der Meinung sind, dass die Leistungen in deutschen Krankenhäusern besser sind.

Vermittler in Moskau, Websites auf arabisch

  "Oft handelt es sich um Fälle, denen in den Herkunftsländern nicht geholfen werden kann, wie Krebs- oder Herzpatienten", sagt Franz Dormann. Er ist Geschäftsführer der Gesundheitsstadt Berlin, einem Verein, in dem sich Gesundheitseinrichtungen in Berlin und Brandenburg besser vernetzen wollen.

tsp_charite_dpa
Die Berliner Charité -Foto: dpa

Große Unikliniken werben gezielt Patienten im Ausland an. Das Hamburger UKE hat ein eigenes Büro in Moskau, andere wie Deutsche Herzzentrum Berlin (DHZB) greifen auf Vermittlungsagenturen in den Herkunftsländern zurück. Das DHZB hat Webseiten auf russisch und arabisch, die Berliner Charité bewirbt ihre internationale Ausrichtung eigens mit einem Imagefilm auf ihrer Homepage. Kommen die Patienten nach Deutschland zur Behandlung, bezahlen sie die Kosten meist privat. Die Einnahmen kann das Krankenhaus behalten - und so seinen Haushalt aufbessern. "Die Kliniken hierzulande sind zum Teil nicht voll ausgelastet und können jeden zusätzlichen Euro gebrauchen", erläutert Richard Zimmer, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft NRW. Rund 3,5 Milliarden Euro sind bundesweit als Finanzierung aktuell vorgesehen. Die Kliniken selbst beziffern ihren Bedarf auf etwa das Doppelte.

"Ein Prozent am Umsatz ist schon ein guter Wert"

"Für uns sind die ausländischen Patienten schon ein wichtiges Geschäft", bestätigt Thomas Höhn, Verwaltungsdirektor des DHZB. Auch wenn er versichert, dass die Auslastung in seinem Haus nicht das Problem sei. "Wir sind da immer am Rande des Möglichen." Dennoch: Für rund 450 Patienten aus dem Ausland ist in der Spezialklinik jährlich dann doch noch Platz. Und die tragen nach Höhns Aussage immerhin fünf bis sechs Prozent zum Umsatz bei - das entspricht fünf bis sechs Millionen Euro.

Nach Einschätzung von Gesundheitsstadt-Geschäftsführer Dormann liegt das Herzzentrum damit weit über dem Durchschnitt. "Wenn ein Krankenhaus ein Prozent seines Umsatzes mit Gastpatienten erwirtschaftet, ist das schon ein guter Wert", sagt er. Wie viel Geld die Gastpatienten insgesamt in deutschen Kliniken lassen, ist schwer zu berechnen, weil die Krankenhäuser die Anwerbung auf eigene Faust und nicht oder nur selten in Netzwerken betreiben.

Mit Luxusangeboten gegen die wachsende Konkurrenz

Für ihre ausländischen Patienten lassen sich die Kliniken einiges einfallen. "Grundsätzlich bekommen sie eine Chefarztbehandlung, so wie jeder deutsche Privatpatient auch", sagt Franz Dormann. "Darüber hinaus sind die Zimmer zum Beispiel mit speziellem Fernsehempfang ausgestattet, sodass die Patienten ein Programm in ihrer Sprache empfangen können." Gebetsräume für Gastpatienten aus dem arabischen Raum sind vielerorts ebenso Standard wie Muttersprachler als Dolmetscher. Dieser Aufwand muss allerdings schon sein, glaubt Thomas Höhn. "Schließlich stehen wir in einem wachsenden Wettbewerb mit Kliniken aus aller Welt."

Dass die Kliniken ihren Haushalt mit dem "Patiententourismus" aber tatsächlich sanieren können, bezweifelt Stephan von Bandemer vom Institut Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen. "Die Hoffnung auf eine große Zahl von Patienten aus dem russischen oder arabischen Raum halte ich für etwas trügerisch", sagt der Wissenschaftler, der sich mit der Internationalisierung von Gesundheitsleistungen beschäftigt.

Bandemer verweist auf die Entwicklung bei Gastpatienten in deutschen Krankenhäusern. Lag die Zahl der behandelten Ausländer 2004 bei 50.700, stieg sie 2005 auf gut 54.000, wie aus einer Studie des IAT hervorgeht. Seitdem stagniert die Gesamtzahl, in einigen Bundesländern ist sie sogar rückläufig. "Gemessen an der Gesamtzahl der behandelten Patienten entspricht das einem Anteil von 0,2 Prozent", betont der Experte.

Wachstumsraten sind bescheiden

  Diese Zahl allein ist aber noch nicht aussagekräftig. "Denn nach unseren Schätzungen kommt nur etwa jeder fünfte ausländische Patient gezielt zur Behandlung nach Deutschland", sagt Bandemer. Die übrigen 80 Prozent sind Notfälle: akute Herzprobleme, Alkoholmissbrauch oder Kopfverletzungen.

tsp_Pauline-Suite Michaelis
Eine Klinik mal anders - die VIP-Suiten des Herzzentrums erinnern nur entfernt an Krankenzimmer. - Foto:DHZB/Michaelis

Dem widerspricht DHZB-Verwaltungschef Höhn. "Diese Fälle haben wir im Herzzentrum nur ganz selten, der weit überwiegende Teil der Patienten ist lange vorher angemeldet." Rund 40 Prozent der ausländischen Patienten im DHZB kommen aus Russland, weitere 15 Prozent aus den ehemaligen GUS-Staaten wie der Ukraine oder Kasachstan. Sie sind zum größten Teil Selbstzahler. Nur wenige werden von russischen Krankenkassen geschickt. Allerdings räumt auch Höhn ein, dass die Wachstumsraten bei ausländischen Patienten nicht exorbitant hoch sind.

Deutsche Kliniken sind spät eingestiegen

Woran liegt es nun, dass der Patiententourismus in Deutschland nicht so recht in Schwung kommt? Die Experten sehen verschiedene Gründe. Zum einen bestand lange Zeit keine Notwendigkeit für deutsche Kliniken, nach Ausländern Ausschau zu halten. Der finanzielle Druck wächst erst, seit vor rund 15 Jahren die sogenannte Budgetierung eingeführt wurde. Das heißt, es darf nicht mehr Geld ausgegeben werden, als die gesetzlichen Krankenkassen einnehmen. Jedes Krankenhaus verhandelt mit den Kassen, wie viele OPs von einer Sorte es im Jahr durchführen darf. Mehr Geld gibt es von den Kassen nicht.

"Bis zu diesem Zeitpunkt sahen sich Kliniken nicht in einem Wettbewerb", beschreibt Dormann. "Seitdem ist aber zunehmend eine unternehmerische Ausrichtung der Häuser zu erkennen." Thomas Höhn vom DHZB ergänzt: "Die Umsätze durch ausländische Patienten wurden früher bei den Etats mit den Zahlungen der Krankenkassen verrechnet. Insofern gab es keinen Anreiz, in diesem Bereich mehr zu unternehmen."

Netzwerke fehlen

Ein weiterer Grund für den schleppenden "Import" von Patienten ist die Konkurrenz aus den USA. Zwar lassen sich Araber seit den Anschlägen vom 11. September 2001 nicht mehr so häufig in den Vereinigten Staaten behandeln. Auch sind Operationen dort zum Teil um die Hälfte teurer als in Deutschland. "Aber die USA bilden seit Jahrzehnten Ärzte aus Schwellenländern aus, die anschließend in ihre Heimat zurückkehren", erläutert Bandemer. "Dadurch entstehen Netzwerke, die Ärzte schicken Patienten in die USA zur OP. Solche Netzwerke fehlen uns oder sie sind erst im Aufbau."

Ein dritter Punkt: Für eine Aufnahme ausländischer Patienten ist ein hoher logistischer Aufwand notwendig - von der Anwerbung über die besondere Unterbringung bis zur Betreuung vor Ort. Das lohnt sich nach Ansicht von Wissenschaftler Bandemer letztlich nur für die großen Kliniken, weil sie mit ihrem hohen Spezialisierungsgrad attraktiv für ausländische Patienten sind.

Ein gutes Geschäft ist die Behandlung ausländischer Patienten in Deutschland dennoch - nicht nur für manches Krankenhaus, sondern auch für die, die die kranken Russen oder Araber betreuen. Inzwischen gibt es Agenturen, die sich um die Patienten kümmern - Dolmetscher, Betreuer, Einkaufsberater. Und es gibt Menschen wie Dimitri, der den Agenturen Konkurrenz macht. Deshalb will er auch nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden. Schließlich will er seinen Nebenjob nicht verlieren: Seine Kunden sind oft wohlhabend und zahlen gut. Es lohnt sich, dafür ein paar Tage nicht ins Büro zu gehen.

*Name geändert


0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben