Wirtschaft : Klara Lehmann

(Geb. 1908)||Andere Männer als den Karl gab es nie. Johannes Heesters mal ausgenommen.

Gregor Eisenhauer

Andere Männer als den Karl gab es nie. Johannes Heesters mal ausgenommen. Als der Vater aus dem Krieg zurückkam, verschlossen die drei Kinder die Wohnungstür. Sie wollten den fremden Mann nicht hereinlassen. „Doch, das ist euer Vater!“, beteuerte die Nachbarin, „Macht die Tür auf!“ Und sie ließ die Mutter holen, die gerade vor der Kinokasse stand.

Klara hat erst mal geheult, als der Karl vor ihr stand, denn sie hat gleich gesehen, dass er verkrüppelt war, nur der Zeigefinger und der Daumen waren ihm von der rechten Hand geblieben. Er war ohne Narkose operiert worden, mit einem Faustschlag als Betäubung – aber darüber wurde anfangs nicht gesprochen. Auch darüber nicht, dass sie beinahe von den Russen vergewaltigt worden wäre.

Die eigentliche Frage am Tag seiner Heimkehr war vielmehr „Geh ick nu’ noch ins Kino oder nich’?“ Sie ging nicht. Und als sie dann das erste Mal gemeinsam am Tisch saßen, die ganze Familie, da hat er ganz schüchtern gefragt, ob jemand Anstoß nähme, wenn er die rechte Hand oben behielte.

Es war nicht die große leidenschaftliche Liebe zwischen Karl und Klara; aber sie waren sich treu, über fünfzig Jahre lang. Schon der Kinder wegen, auch wenn die Erziehungsmethoden unterschiedlich waren. Dem Karl rutschte nie die Hand aus, ihr gelegentlich schon – aber das endete regelmäßig in einer fröhlichen Balgerei.

Klara war mit elf Geschwistern aufgewachsen. Ein despotischer Vater, Stanislaus, der von seinen Söhnen eines Tages kräftig in den Schwitzkasten genommen wurde, damit er die Mutter, Adelheid, nicht ständig verprügelte. Er schuftete in der Eisengießerei, sie in Stube und Küche. Mehr Zimmer gab es nicht für die Großfamilie.

Als Klara 21 war und der Bubikopf in Mode kam, da hat sie sich ihren Zopf abgeschnitten – und flog raus daheim. Sie fand eine kleine Kammer zur Miete und eine Stelle in der Wäscherei Wagner in der Skalitzer Strauße. Klara hat dort an der Mangel gearbeitet, Karl war als Kurier eingestellt. Beim Großen Tanzvergnügen sind sie sich näher gekommen. „Oh, Donna Clara“, sangen die Comedians aus dem Grammophon, „Ich hab dich tanzen gesehn, und deine Schönheit hat mich toll gemacht. Ich hab im Traume dich dann im Ganzen gesehn, das hat das Maß der Liebe voll gemacht.“

Montagmorgen nach dem Fest fand sie einen üppig gedeckten Frühstückstisch vor – das wurde zur Gewohnheit. Karl war froh, sich um jemand sorgen zu können, und Klara sonnte sich in seiner Aufmerksamkeit.

Sie war ja auch eine Hübsche, zeitlebens Haut wie Marzipan, himmlisch blaue Augen, und selbst als sie bettlägrig wurde, mussten ihr sorgsam die Haare gemacht und der Lidstrich nachgezogen werden: „Wenn die Herrn Doktoren kommen …“

Sie hat gern geschäkert, gern posiert, aber nie gab es andere Frauen für ihn, nie andere Männer für sie – Johannes Heesters mal ausgenommen, aber das war Schwärmerei.

Die Hochzeitsreise der beiden ging zum Schiffshebewerk Niederfinow, ein Tagesausflug. Die Bilder aus der Zeit hat sie später selbst koloriert.

Vier Kinder und ein Enkelkind haben sie großgezogen, und immer musste gespart werden. Das hieß: Aus Altem Tragbares schneidern, aus wenigen Zutaten Leckeres kochen, Kohlrouladen und falscher Hase waren ihre Spezialität.

Ansonsten waren die Vergnügungen übersichtlich: Am Wochenende auf den Markt, ab und an einen Eierlikör auf den zahlreichen Familienfesten.

Als die Kinder dann aus dem Haus waren, hat sie viel genäht: Puppenkleidung en gros, Kleidchen, Blusen, Handtäschchen, Tüll; für die Töchter, Enkel und Freunde hat sie wohl Tausende von Pailletten vernäht. Und geschmökert hat sie nächtelang, Liebesromane. Karl wurde abends das Frühstück gerichtet, er stand ja früh um fünf auf, halb neun ging er schlafen, wenn kein Fußball war. Dann hatte sie ihre Ruhe.

Im Ausland ist sie nie gewesen. Habseligkeiten waren ihr nicht wichtig. Ihr größter Schatz waren die Kinder und Enkelkinder. Deren Trost- und Einschlafzettelchen in der Zeit ihrer Bettlägrigkeit hat sie alle aufgehoben, kleine Wertpapiere der Zuneigung, die mit ihr verbrannt werden sollten.

Wirklich Wertvolles ließ sie nicht zurück. Bis auf eine flache Holzschatulle, darin akkurat im Kreis gelegt: keine Perlenkette, sondern ihr Zopf.

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