Wirtschaft : Klaus Esser kämpft um jedes Wort

Im spektakulärsten Wirtschaftsprozess der deutschen Geschichte setzt der ehemalige Mannesmann-Lenker auf eine aktive Verteidigungsstrategie

Tobias Symanski[Düsseldorf]

Klaus Esser hat Sprechbedarf. Nachdem der Manager bereits zu Beginn des Düsseldorfer Mannesmann-Prozesses einen fünfstündigen Redemarathon hinter sich gebracht hatte, legt er am achten Verhandlungstag mit einer weiteren Erklärung nach. „Wir konnten die Meinungsverhältnisse bei den Aktionären zu unseren Gunsten umkehren“, zitiert der ehemalige Konzernchef aus seinen Erinnerungen des Januars 2000. Es geht um die Geschehnisse während des Monate andauernden Übernahmekampfes der Industrielegende Mannesmann gegen den britischen Mobilfunker Vodafone.

Wieder einmal. Esser hat schon häufig darüber geredet. Die Prozessbeobachter haben dennoch nicht genug. Sie warten auf kleinste Details, um die Geschichte im spektakulären Wirtschaftsprozess weiterspinnen zu können. Und Esser liefert sie.

Schon zu Beginn der Abwehrschlacht im November 1999, sagt Esser, habe ihm ein Investmentbanker geraten, der Übernahme zuzustimmen, um die eigene Karriere nicht zu gefährden. Er habe dies abgelehnt. „Es war meine Entscheidung, meine Interessen zurückzustellen“, sagt Esser. Erst Ende Januar, Anfang Februar habe er aufgegeben, nachdem ein Großteil der Mannesmann-Aktionäre zu Vodafone übergelaufen war.

Die Staatsanwaltschaft erkennt im Verhalten des 56-Jährigen jedoch nur wenig Uneigennützigkeit. Sie wirft Esser und fünf weiteren Mitangeklagten – darunter Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann – vor, die Übernahme von Mannesmann durch Vodafone für eigene Zwecke missbraucht zu haben. Durch ihre „gemeinschaftliche Verschwörung“ sollen sie ehemaligen Mannesmann-Lenkern hohe Prämien- und Abfindungszahlungen zugeschoben haben. Es geht um rund 60 Millionen Euro. Allein die Hälfe des Betrages hatte Esser selbst erhalten. „Ich habe niemals um einen Euro für mich gebeten“, verteidigt sich Esser, und rechnet dem Gericht vor, wie viele Millionen er erhalten hätte, wäre ein geplantes Aktienoptionsprogramm bei Mannesmann umgesetzt worden.

Möglich wird die 20-minütige Erklärung Essers erst durch den Ausfall eines Zeugen. Der Investmentbanker Alexander Dibelius hat die Vorladung des Landgerichtes Düsseldorf nicht bekommen. Dibelius reißt eine zufällige Lücke in den Ablaufplan der Verhandlung. Doch Zufälle gibt es für Klaus Esser nicht. Der Vollblutmanager ist bestens vorbereitet. In seinem ausgearbeiteten Sechs- Punkte-Papier reagiert er auf Zeugenaussagen aus den vorherigen Prozesstagen und baut diese in seine eigene Verteidigungslinie mit ein.

Hinter dem Auftritt steckt Methode. Schon seit Beginn des Prozesses versucht Esser, das Heft in der Hand zu behalten. Seine Anwälte, Sven Thomas und Jürgen Welp, spannen auch Zeugen in ihre aktive Verteidigungsstrategie ein. Beispiel: Die wenig aufklärenden Aussagen des damaligen Mannesmann-Arbeitsdirektors Sigmar Sattler („Ich habe über die Presse von Details erfahren, die ich bis dahin nicht kannte.“) bringen das Verfahren zwar wenig voran. Doch Essers Anwälte kosten auch diesen Moment voll aus. Sei es nicht so, fragt Sven Thomas mit suggestivem Unterton, dass sich Klaus Esser auch nach der Übernahme durch Vodafone stets um eine gesicherte Zukunft für Mannesmann und deren Mitarbeiter bemüht habe? Der Zeuge stimmt zu.

Entlastung aus Hongkong erhofft

Esser fühlt sich durch solche Aussagen gestärkt: „Beweismittel werden in dieser Verhandlung entdeckt und bestätigen meine Aussagen.“ Vor allem vom kommenden Verhandlungstag verspricht sich der Angeklagte einen entscheidenden Entlastungsbeweis. Am Donnerstag wird Canning Fok als Zeuge per Videokonferenz aus Hongkong in die Verhandlung zugeschaltet. Während des Übernahmekampfes spielte der Chinese eine Schlüsselrolle. Er saß zu dieser Zeit für den Großaktionär Hutchison Whampoa im Mannesmann-Aufsichtsrat und initiierte Esser zufolge die millionenschweren Abfindungszahlungen. Durch Foks Aussage, hofft Esser, soll der Vorwurf der Staatsanwaltschaft entkräftet werden, die Mannesmann-Manager hätten sich eigenmächtig bedient.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben