Wirtschaft : Klaus Lindemann

Geb. 1930

Anne Jelena Schulte

Wer immerzu empfängt, muss irgendwann auch senden. Eine öffentliche Garderobe galt auch in den Sechzigern nicht als Ort für Lebensbeichten. Anders in der „Vollen Pulle“, einer Künstlerkneipe, wo der Garderobier Klaus Lindemann hieß. Mit einem Bier in der Hand und angenehm umhüllt von der stillen Mantelwelt, ließ es sich in dem winzigen Raum gut reden.

Klaus Lindemann hatte Malerei studiert, aber davon konnte er bei aller Bescheidenheit nicht leben. Er wohnte zwischen Farbtuben, Pinseln und Wassergläsern, schlief auf dem Sofa und besaß einen Teller und eine Tasse.

Aufräumen und Kleidung kaufen, das war langweilige Kulissenpflege, die viel zu viel Zeit kostete. Wenn er mal in ein Bekleidungsgeschäft geriet, versorgte er sich für zwei Jahre. Dafür aber hatte er Zeit für das Leben hinter den Kulissen.

Nie vergaß er, was man ihm erzählte und was er sah. Nach Reisen konnte er sich an jede Wegbiegung erinnern.

Wer die ganze Zeit auf Aufnahme geschaltet ist, der muss irgendwann senden – fand jedenfalls ein Freund von Lindemann, der als Radioredakteur beim SFB arbeitete. Klaus Lindemann war 39 Jahre alt, saß in seiner Garderobe und war nicht begeistert: „Ich habe keine Ahnung vom Radio, verstehe nichts von Produktionen und auch nichts vom Schreiben.“ Der Freund wusste es besser und gab nicht nach, bis Lindemann die Feature- Abteilung betrat – nur mal so zum Gucken.

Hier herrschte Revolutionsstimmung. Dank der neuen Aufnahme-Technik konnte man die Studios verlassen und das Leben draußen einfangen. Es brauchte nicht länger nur beschrieben zu werden, sondern durfte sich selbst erzählen. Dem Lebenssammler Klaus Lindemann passte diese neue Form der Radiodokumentation wie ein maßgeschneiderter Anzug. Er konnte sich voll und ganz fremden Schicksalen und Kulturen widmen und ließ sich nicht zu eitler Selbstdarstellung verleiten. Das Ergebnis waren Arbeiten von poetischer Dichte, eindringlich, weil unaufdringlich. Seine Features enden immer dann, wenn die Grundfragen des Daseins aufkommen, etwa: Was ist Wirklichkeit? Kann man Verdi ernst nehmen?

Die jüngeren Kollegen wollten nicht nur die Feature-Revolution, sondern die Weltrevolution. Sie forderten Antworten und kritisierten seinen Stil. Lindemann hörte ihnen zu, aufmerksam wie immer, aber sein Lächeln verschwand. Zu genau erinnerte er sich an seine Kindheit in einem System, das einfache Antworten hatte und für das er Schützengräben ausheben musste.

Er gewann internationale Preise, seine Features machten Schule. Vom Geld, das er nun verdiente, kaufte er sich ein altes Bauernhaus in einem Bergdorf am Gardasee. Als seine Frau eine anständige Toilette vermisste, kaufte er das Nachbarhaus dazu, dort gab es eine. Die Unterschrift kostete weniger Zeit als Odysseen durch Baumärkte und Handwerksbetriebe. Hoch über dem Gardasee sah man nun an jedem Morgen zwei Deutsche im Morgenrock die Häuser wechseln.

Nach über dreihundert Produktionen für den SFB beschloss Klaus Lindemann, wieder zu malen, und zog sich ganz in das italienische Bergdorf zurück. Besonnen und ernsthaft wie er war, zeichnete er zwei Jahre lang Äpfel und Birnen, „um wieder reinzukommen“. Dann griff er zu kräftigen Aquarellfarben und malte wieder und wieder den See, entdeckte das immer Neue im immer Gleichen.

Zur Stunde seiner Beisetzung, das hatte einer vom SFB organisiert, stießen überall auf der Welt Radiofeature-Macher auf ihren hoch geschätzten Kollegen an. Am norwegischen Frühstückstisch wie in kanadischen Betten wurden die Gläser gefüllt, und man trank auf Klaus Lindemann, der hoch über den Wolken verlegen lächelte.

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