Wirtschaft : Klaus-Peter Merta

Geb. 1956

Gregor Eisenhauer

Expertentum macht bekannt, aber einsam. Der Fleiß brachte das Renommee. Natürlich hat alles mit Zinnfiguren angefangen. Ein Spiel, das den scheuen Jungen zum Amateurhistoriker werden ließ.

Er war gerade zwölf, da starb der Vater nach einem Kunstfehler. Klaus- Peter war alt genug, um zu trauern, aber zu jung, um sich mit den Antworten auf die Frage nach dem Warum zufrieden geben zu können.

Das Sammeln der Figuren wurde zur Leidenschaft, die sich im Lauf der Zeit zur Obsession ausprägte: Orden, Fahnen, Ehrenzeichen, militärische Grafiken. Seine Sammlung umfasste bei seinem Tod achtzig Helme, Dutzende Grafiken, tausende Schulterstücke. Und über all das schrieb er schon früh Artikel und Bücher, Standardwerke.

Historische Wahrheiten sind schnelllebig – mit Ausnahme der Erkenntnisse in den Hilfswissenschaften. Heraldik, Numismatik, Militaria, Disziplinen, die als Sammlungsfelder der Verschrobenen und Verstaubten gelten, weil hier nur Fachleute sich behaupten können.

Die Militaria-Sammlung des Historischen Museums in Berlin, ehemals preußisches Militärmuseum und Zeughaus, umfasst über 40000 Einzelstücke. Kein besserer Arbeitsplatz hätte sich für Klaus-Peter Merta finden lassen und kein spannenderer. Schriftstücke sind nicht die einzigen historischen Auskunftsgeber, und schon gar nicht die Verlässlichsten. Herrschaftszeichen sprechen oft eine deutlichere Sprache: Waffen, Uniformen, Fahnen. Orden beispielsweise waren bis zum Ende der DDR ein probates Mittel der Ruhigstellung von Untertanen. Verdienstorden, so ging die Redensart schon zu Kaiserzeiten, wurden „verdient, erdient und erdienert“.

Zwischen 1800 und 1945 sind in Deutschland 3600 staatliche, an der Kleidung zu tragende Orden und Ehrenzeichen gestiftet worden. Ein hoch differenziertes, nicht leicht zu durchschauendes Prämiensystem, mit dem sich Obrigkeitsstaaten ganz unterschiedlicher Couleur der Treue ihrer Untertanen versichert haben – auf recht günstige Weise. Der Stückpreis eines Eisernen Kreuzes war gering, das Ansehen, das sein Träger damit erwarb, hoch. Der Einsatz auch. „Es ist“, mokierte sich Kurt Tucholsky, „Macht, die verliehen wird, um Macht auszuüben.“ Kein materieller, ein moralischer Anreiz, sich hervorzutun. Das hat Jahrhunderte funktioniert. Und die tatsächliche Moral der Geschichte? Von solchen Fragen hielt sich Klaus-Peter Merta fern. Der Wandel der Statussymbole: „Vom Orden über die Dienstauszeichnung zum Label“. Ein gutes Ausstellungsthema, aber ob dieser Wandel als Fortschritt oder Rückschritt zu werten ist… Achselzucken. Theoretisieren vermied er schon aus arbeitsökonomischen Gründen.

Er musste sich in eine Sprache der Zeichen einlesen, die nur noch sehr wenige verstehen, um so drängender die Notwendigkeit, sein Wissen zu Papier zu bringen. Das große Werk über Schulterklappen stand noch aus, dazwischen immer wieder Ausstellungen, Anfragen, kleinere Artikel. Expertentum macht bekannt, aber einsam. Die Zahl der Menschen, mit denen man sich vernünftig unterhalten kann, nimmt stetig ab. Er, der in Ost-Berlin aufgewachsen war, misstraute dem „Charlottenburger Kulturgeschwätz“. Aber die Grenze verlief für ihn längst nicht mehr zwischen West und Ost, sondern zwischen den Emsigen und den Paukenschlagenden. Alle haben sie etwas zu sagen, nur die wenigsten wissen wirklich etwas. Ohne Detailkenntnisse, das lehrt Sherlock Holmes, ist Wahrheit oft nur eine Vereinbarung auf Zeit.

„Watson, sagen Sie, von wann stammt dieses Bild?“ „Der Datierung nach von 1812.“ „Aber ich bitte Sie Watson! Der Orden auf der Brust dieses Mannes wurde erst 1815 geschaffen. Da war unser Maler übrigens längst tot. Interessant nicht?“

Klaus-Peter Merta wusste, was er konnte. Er war fleißig, und der Fleiß brachte das Renommee. Die alte Fabel von der Ameise und der Grille, die eine fleißig, die andere lautstark. Und wenn es zum Tode hin darum geht abzurechnen, bleibt den Lautstarken wenig.

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