Klaus-Peter Schulenberg : „Das Tempodrom konkurriert mit der Philharmonie“

Klaus-Peter Schulenberg, Chef des größten europäischen Ticketverkäufers CTS Eventim, über das Tempodrom, Konzertkarten für 190 Euro und AC/DC.

Bespielt auch die Waldbühne: Klaus-Peter Schulenberg.
Bespielt auch die Waldbühne: Klaus-Peter Schulenberg.Foto: Mike Wolff

Herr Schulenberg, was reitet Europas erfolgreichsten Ticketverkäufer und Konzertvermarkter, das Tempodrom zu kaufen, eine Halle mit so vielen politischen Leichen und Skandalen im Keller?

Die große Sympathie für Berlin und der Glaube an die Zukunft dieser großartigen Stadt. Und die Unkenntnis der politischen Leichen und Skandale im Keller. Das Tempodrom ist eine exzellente Spielstätte in der Mitte Berlins, mit einer herausragenden Architektur und Akustik. Das politische Lokalkolorit hat mich als Nicht-Berliner nicht tangiert. Wir sind der Zukunft zugewandt und nicht belastet.

Wie groß ist das Risiko?

Das wird sich zeigen. Deshalb bin ich Unternehmer: um Dinge zu entscheiden, auf den Weg zu bringen und zu gestalten. Sechs Jahre Insolvenzmanagement – das hat das Tempodrom nicht verdient, und das hat Berlin nicht verdient.

Was haben Sie bezahlt?

Wir haben einen sehr vernünftigen Preis bezahlt, der bei Weitem nicht an die Summe heranreicht, die für die Entstehung des Bauwerks nötig war. Der Kaufpreis spiegelt einen Gegenwert wider, der unseren wirtschaftlichen Erwartungen an das Tempodrom entspricht.

Das Land Berlin bürgt noch für Baukosten in Höhe von 12,7 Millionen Euro. Bleibt das Land darauf sitzen?

Damit haben wir nichts zu tun, das belastet uns nicht und ist Gegenstand des Insolvenzverfahrens. Ich wiederhole mich: Uns geht es um die Zukunft des Tempodroms, nicht um seine Vergangenheit.

Aktuell ist das Tempodrom zur Hälfte ausgelastet. Können Sie das besser?

Das klingt mir zu negativ, immerhin haben im Jahr 2009 rund 300 000 Zuschauer etwa 150 Veranstaltungen im Tempodrom besucht. Es wird sicherlich auch von den gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der Stimmung in der Stadt abhängen. Aber ich glaube fest, dass wir das Haus noch besser auslasten können. Es muss investiert werden, was in den vergangenen Jahren nicht geschehen ist.

Gibt es konkrete Pläne für das Programm?

Das Tempodrom ist sowohl für hochklassiges Live-Entertainment geeignet als auch für Preisverleihungen, Firmenveranstaltungen und anderes. Vieles lässt sich sicher fortführen, anderes werden wir neu probieren. Ich sehe das Tempodrom mit seinen 3500 Plätzen auch als Wettbewerber für die Philharmonie – bei Konzerten, für die die Philharmonie zu klein ist.

In Berlin haben Sie vor anderthalb Jahren die Waldbühne gepachtet. Haben sich Ihre Erwartungen an diese Spielstätte erfüllt?

Bis jetzt noch nicht. Unsere ambitionierte Investition hat sich noch nicht in Form von Mieteinnahmen amortisiert. Die Waldbühne hat eine ungünstigere Kostenstruktur als die konkurrierende Wuhlheide, ist aber für hochkarätige Konzerte besser geeignet. Sie ist teurer und braucht noch das geeignete Produkt. Das ist ein schwieriges Geschäft, aber wir werden es hinkriegen. Wir haben einen langen Atem und sind von der Waldbühne überzeugt.

In einer sexy Stadt, die leider arm ist?

Berlin ist neben Hamburg und München der interessanteste Live-Entertainment- Markt in Deutschland. Nicht nur wegen der Größe, sondern auch, weil die Berliner und die Besucher der Stadt gerne zu Live-Events gehen – und das auch bezahlen können. Ich erwarte deshalb auch im Tempodrom gute Umsätze.

Die Veranstaltungsbranche hat 2009 glänzend verdient. Amüsieren sich die Leute in Krisenzeiten mehr?

Wir verkaufen mehr Eintrittskarten, wenn die Stimmung schlecht ist. Das war schon nach den Terroranschlägen im Jahr 2001 so. Eine Karte kostet im Schnitt 50 Euro, das ist bezahlbar. Live-Konzerte haben den Vorteil, dass die Fans ihre Entscheidung nicht verschieben können wie zum Beispiel bei Musicals, wenn sie den Auftritt ihres Lieblingskünstlers nicht verpassen wollen. Wir stellen allerdings fest, dass die billigsten Karten zuerst verkauft werden und die teuersten Karten zuletzt. Das war früher anders.

Muss ein Rolling-Stones-Konzert 190 Euro kosten? Ist da nicht eine Grenze erreicht?

Ja. Es gibt eine Grenze, die liegt etwa bei 100 Euro. 190 Euro ist auch für mich kein angemessener Preis mehr. Die Menschen wollen Abwechslung. Und je attraktiver ein Künstler für sie ist, desto mehr bezahlen sie. Manche Stars reizen das allerdings nicht aus und kommen ihren Fans entgegen. AC/DC zum Beispiel spielen in Berlin für gut 80 Euro. Sie hätten ohne Weiteres auch 150 Euro nehmen können.

Warum sind Konzerte so teuer?

Die Produktionskosten steigen, Shows und Bühnenbilder werden immer aufwendiger. Im Tourneegeschäft werden außerdem die Verluste teilweise kompensiert, die die Plattenfirmen und Künstler im Tonträgergeschäft machen. Früher hat ein Künstler 75 Prozent seiner Einnahmen mit dem Verkauf von Platten oder CDs erzielt. Heute sind es nur noch zehn bis 25 Prozent. Der Rest stammt aus dem Tourneegeschäft.

Bei den Musikkonzernen weckt das Begehrlichkeiten. Sie wollen an den Einnahmen der Konzertveranstalter und Ticketverkäufer gerne teilhaben.

Es gibt Tonträgerfirmen, die ein entsprechendes Management aufgebaut haben und versuchen, Künstler früh an sich zu binden und von der CD über die Tournee bis zum Merchandising zu vermarkten. Aber ich gebe diesen 360-Grad-Verträgen keine Zukunft. Den Musikkonzernen fehlt das Know-how, so wie umgekehrt die Tourneeveranstalter zu wenig vom Tonträgergeschäft verstehen.

Gehen Ihnen nicht langsam die Stars aus? Die Stones und andere Alt-Rocker werden immer älter und die Helden des jungen Publikums wechseln immer schneller.

Es gibt nicht mehr die lebenslange Loyalität. Früher war man Fan einer Band und blieb es über viele Jahre. Deshalb stehen wir heute in einem viel breiteren Wettbewerb mit der Handy- und Spiele-Industrie. Wir haben auch schon mal eine DSDS-Tour vermarktet. Das war finanziell sehr erfolgreich – aber dem Publikum kaum zuzumuten. Wir haben das nicht wiederholt.

Wie üppig sind denn die Margen im Veranstaltungs- und Tourneegeschäft?

Vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen liegt unsere Marge bei sieben Prozent. Damit sind wir Weltspitze. Beim Ticketverkauf kommen wir auf über 30 Prozent. Das Geschäft mit Live-Entertainment birgt dagegen hohe Risiken, die nicht angemessen bezahlt werden.

70 Prozent des Umsatzes macht CTS Eventim aber noch in diesem Geschäft. Ein ziemlich hohes Risiko, oder?

Nicht, wenn Sie unser Ergebnis vor Steuern und Zinsen anschauen. Rund 22 Millionen Euro davon stammen aus dem Live-Entertainment, aber 49 Millionen Euro aus dem Ticketing.

Und im Ticketing setzen Sie voll auf den elektronischen Verkauf. Rund 80 Mitarbeiter betreuen und entwickeln Software.

Im Online-Kartenverkauf verdienen wir sieben Mal mehr als am Schalter. Wir glauben, dass der Anteil des Online-Verkaufs noch deutlich wachsen kann. Deshalb investieren wir hier und haben eine umfassende Infrastruktur aufgebaut. Inzwischen können wir drei Millionen Kunden zeitgleich bedienen. Unsere Website darf aber auch nicht zusammenbrechen, wenn der Ticketverkauf startet – das haben wir bei der Fußball-WM 2006 demonstriert oder beim Verkaufsstart großer Künstler wie U2 oder Madonna, wenn alle Fans gleichzeitig online gehen.

Netto haben Sie 150 Millionen Euro in der Kasse. Was soll mit dem Geld passieren?

Die Hälfte unseres Nettoergebnisses schütten wir an unsere Aktionäre aus, und wir planen im laufenden Jahr weitere Akquisitionen. Dieses Polster gibt uns unternehmerische Freiheit. Wir sind nicht von Banken abhängig, wenn wir Firmen kaufen wollen. Aber viel wichtiger ist, dass wir bilanziell über jeden Zweifel erhaben sind. Wir managen mehr als drei Milliarden Euro aus Veranstaltungen über unsere Systeme. Da sollte man finanziell kerngesund sein.

Wann hat zum letzten Mal ein Investor angeklopft, der den ganzen Laden kaufen wollte?

Das kommt häufiger vor. Aber meine Anteile stehen nicht zum Verkauf.

Herr Schulenberg, fünf abschließende Fragen, die Sie bitte spontan beantworten. Welche Konzertkarte haben Sie mit Ihrem eigenen Geld gekauft?

Spencer Davis Group Ende der 60er Jahre in Bremen.

Ihr letztes Konzert?

Pink.

Ihre Assoziation zu Berlin?

Groß, laut, bunt, international. Kann an guten Tagen mit London und New York konkurrieren.

Ihre Lieblings-Rockband?

Vielleicht die Eagles.

Das schönste Konzert?

Horowitz in der Hamburger Musikhalle und das Abschiedskonzert von Alfred Brendel im Dezember 2008.

Das Gespräch führten Henrik Mortsiefer und Ralf Schönball.

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