Wirtschaft : Klaus Zwickel hat verstanden (Kommentar)

Alfons Frese

Wer ist Klaus Zwickel? Ja doch, Vorsitzender der weltweit größten Einzelgewerkschaft und damit vielleicht mächtigster Gewerkschafter. Aber zählt der Metaller zu den Traditionalisten oder den Modernisierern? Ist er Klassenkämpfer oder Konsensfreund? Zwickel führt eine Gewerkschaft, die binnen fünf Jahren eine Million Mitglieder verloren hat. Gewiss, zum großen Teil ist das den Arbeitsplatzverlusten geschuldet. Doch das allein reicht nicht als Erklärung. Die klassischen Kernbelegschaften, in denen die Gewerkschaften ihre Mitglieder rekrutieren, sterben aus. Dagegen findet sich der Wandel zur Dienstleistungswirtschaft, der Trend zur Individualisierung, Flexibilität und Differenzierung nur unzureichend in der gewerkschaftlichen Strategie wieder. Und die tarifpolitischen Erfolge - die IG Metall in ihrer Vorreiterrolle hat schließlich in diesem Jahr die drei vor dem Komma für fast alle Arbeitnehmer durchgesetzt - führen der Gewerkschaft kaum neue Mitglieder zu. Auch deshalb nicht, weil der Flächentarifvertrag als Kerninstrument gewerkschaftlichen Handelns immer brüchiger wird: Mit einer Einheitssoße wird das "Tarifmenü", von dem Zwickel spricht, nicht eben schmackhafter.

Offenbar hat der Vorsitzende jetzt verstanden. Er plädiert für Differenzierungen, um den Flächentarif zu retten. Die einzelnen Betriebe sollen größere Spielräume bekommen, ohne selbst Tarifverträge aushandeln zu dürfen. Das geht in die richtige Richtung, wenngleich Zweifel bleiben, ob die IG Metall bereit ist, Macht abzugeben. Zwickel dürfte jedenfalls bei dem anstehenden Gewerkschaftstag - der ihn wiederwählen soll - Delegierten-Prügel für seinen Vorstoß bekommen. Vielleicht helfen ihm da die eigenen Mitglieder. Die haben nämlich in einer Umfrage Flexibilität und Offenheit für neue Ideen gefordert. Und Kompromissfähigkeit, um mit den Unternehmen nach Wegen aus der Arbeitsmarktkrise zu suchen.

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