Wirtschaft : Klaus Zwickel will in die Mitte

Der IG-Metall-Chef räumt Niederlage beim Widerstand gegen Schröders Reformagenda 2010 ein

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Berlin (alf). Der IGMetall-Vorsitzende Klaus Zwickel ändert die Strategie gegen die Agenda 2010. Zwickel sagte in Berlin, die erste Protestphase sei vorbei. „Jetzt müssen wir selbstkritisch feststellen, dass wir Hunderttausende nicht erreicht haben.“ Zwickel meinte damit Unterschriftenaktionen sowie den bundesweiten Protesttag der Gewerkschaften am 24. Mai. „Bei großzügiger Zählung kommen wir auf 90000 Teilnehmer“, sagte Zwickel. Und das sei „nicht das, was wir erwartet haben“. In einer „zweiten Phase“ gehe es nun darum, „auf die Politik zuzugehen – was denn sonst?“ Die Gewerkschaften könnten entweder „mitgestalten oder die Politik machen lassen“.

Der Metaller räumte ein, vor wenigen Wochen noch „Mitinitiator“ gewesen zu sein, als die Spitzengewerkschafter ein Treffen mit Schröder absagten. „Ich hole mir nicht zum zweiten Mal beim Bundeskanzler ein ,basta’ ab“, begründete Zwickel jetzt die damalige Absage. Innerhalb der Gewerkschaften hatte das Anfang Mai für schweren Krach gesorgt, weil Zwickel und sein Verdi-Kollege Frank Bsirske die Richtung für die kleineren Gewerkschaften vorgegeben hatten. Im Rahmen einer zweitägigen Konferenz der IG Metall bezeichnete Zwickel nun in Berlin die Agenda 2010 zwar als „Flickwerk“. Die IG Metall müsse sich aber damit beschäftigen, „warum die Agenda einen größeren Zuspruch in der Bevölkerung hat als die Kritik an ihr“. Der Gewerkschaftschef fragte sich in dem Zusammenhang, „ob wir diejenigen, die wir mit unserem Handeln erreichen wollen, überhaupt noch erreichen“.

Zwickel ging in seiner Rede der Frage nach, ob die IG Metall unterwegs „in die Mitte“ sei. Da sich offensichtlich die meisten Arbeitnehmer selbst dort sehen, „wollen wir in die Mitte“. Und wenn die Gewerkschaft da nicht ankomme, gefährde sie ihr Überleben. „Als reine Arbeiterorganisation wird die IG Metall keine Zukunft haben“, sagte Zwickel, der im kommenden Herbst in den Ruhestand geht. Die IG Metall vergreise, bekomme im Handwerk und unter Angestellten kein Bein auf die Erde und werde von Männern dominiert. „Unsere traditionellen Gewerkschaftsrituale gehen häufig an den Interessen vernunftbegabter Menschen vorbei“, sagte Zwickel.

Ins gleiche Horn stieß auf der Tagung in der IG Metall-Bildungsstätte am Pichelssee der Stuttgarter Bezirksleiter Berthold Huber. Die IG Metall müsse sich auch „in Sprache, Ansprache und ihren Ritualen verändern“. Aussagen wie „der volle Schluck aus der Pulle“ seien „nicht authentische Sprüche“, meinte Huber. Seiner Ansicht nach wäre „schon viel gewonnen, wenn wir uns normal gebärden würden“. Auch Huber sieht die Zukunft der IG Metall in der Mitte, bei Facharbeitern und Angestellten. Die Konzentration auf Großbetriebe, Männer und Arbeiter führe in die Sackgasse. „Wir brauchen eine Neuorientierung und spezielle Angebote für Angestellte, Fachkräfte und Frauen“, sagte Huber. Und dabei müsse der Köder dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. In den vergangenen Jahren habe sich die Welt verändert, nicht jedoch die IG Metall. „Die IG Metall war immer guten Willens, aber geändert hat sie sich de facto nie.“

Huber war Anfang April von Zwickel als sein Nachfolger vorgeschlagen worden. Nachdem im Vorstand eine Abstimmung zwischen Huber und dem derzeit zweiten Vorsitzenden der IG Metall, Jürgen Peters, mit einem Patt ausgegangen war, wurde Peters als Kandidat für den Ersten und Huber für den Zweiten Vorsitz nominiert. Peters haftet das Image des Traditionalisten an, der gerne mit klassenkämpferischen Tönen die klassischen Metaller begeistert. Die Wahl der beiden Vorsitzenden erfolgt auf dem Gewerkschaftstag im Oktober.

Zwickel übergibt seinem Nachfolger beinahe eine Rentnerorganisation. Mehr als 570000 der 2,6 Millionen IG-Metall-Mitglieder sind auf Rente oder im Vorruhestand; 1,1 Millionen sind älter als 50, aber nur 200000 jünger als 27 Jahre. Wie behäbig der Tanker IG Metall ist, zeigt der Anteil der Angestellten, der sich seit 1980 nicht verändert hat. „Wir haben also seit 23 Jahren nichts in dieser Frage bewegt“, sagt Klaus Zwickel.

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