Wirtschaft : Kleinanleger lassen sich über den Tisch ziehen

HOLGER ALICH / NORBERT KULS (HB)

DÜSSELDORF / NEW YORK .Briefe von der Bank bergen manchmal handfeste Überraschungen.Diese Erfahrung machte auch Anleger Thomas L.aus Westhofen, als er Post von der Sparkasse Worms bekam, die sein Depot führt.In dem Schreiben informierte ihn das Institut von einem Übernahmeangebot der Gesellschaft Peachtree Partners für seine Philip Morris-Aktien.Peachtree Partners wollte ihm 24 Dollar pro Aktie zahlen.Zum Glück griff Thomas L.nicht voreilig zu - er hätte sonst volle zehn Dollar unter dem damals aktuellen Börsenkurs verkauft.

"Solche Angebote gehen in letzter Zeit immer häufiger bei uns ein", berichtet Jürgen Pitzer, Pressesprecher der Landesbank Rheinland-Pfalz.Die Bieter-Gesellschaften heißen IG Holding, Odd Lots Liquidity Fund oder auch Summit Venture Partners und kommen alle aus den USA.Sie bieten die Übernahme von allen großen amerikanischen Unternehmen an, die an der Börse notiert sind: Von American Express bis Microsoft.

Die Masche ist dreist, neu, aber nicht illegal.Die Gesellschaften kaufen kleine Aktienpakete von Privatanlegern bis zu 50 Prozent unter Börsenwert und verkaufen sie dann gewinnbringend auf eigene Rechnung.Kein Gesetz verbietet es, Übernahmeangebote unter Marktpreis zu machen.

Kaum zu glauben: Viele Anleger gehen auf die Angebote ein - auch in Deutschland.Nach Angaben der Deutschen Börse AG wickelt ihre Clearing-Stelle an einigen Tagen Sammelorders von deutschen Banken für Verkäufe ab, bei denen die Anleger Verluste von insgesamt 20 000 Dollar machen.

Das Prinzip ist einfach: Die Investmentfirmen schicken ein Angebot für die Übernahme einer bestimmten Menge Aktien an die zentrale amerikanische Wertpapierverwahrung, die Depository Trust Co.(DTC).Dabei achten die Gesellschaften darauf, daß das Übernahmeangebot nicht fünf Prozent des gesamten Kapitals der Aktiengesellschaft übersteigt.Denn diese sogenannten Mini-Tender nimmt die amerikanische Börsenaufsicht SEC nicht unter die Lupe.Erst bei größeren Beteiligungsversuchen fordern die amerikanischen Aufseher genauere Angaben.

Die DTC leitet dann die Offerten automatisch an Banken und Wertpapierhäuser weiter sowie an die Lagerstelle der Deutschen Börse AG in New York.Von dort finden die Angebote ihren Weg über den großen Teich zur Deutschen Börse, die die Angebote an die Wertpapiermitteilungen weiterreicht.Aus dieser Quelle beziehen Banken unter anderem ihre Informationen, wenn sie ihre Kunden von Übernahmeangeboten informieren.

Die Masche macht Schule: Im vergangenen Jahr registrierte die DTC 537 Mini-Übernahmen, im Jahr zuvor waren es nur 39.Nach Informationen der Deutschen Börse AG in Frankfurt (Main) würden in Deutschland gerade Kunden von Direktbanken auf diese Angebote eingehen.

Kritiker vermuten, daß die US-Gesellschaften die Unwissenheit von einigen Anlegern schonungslos ausnutzen, da diesen nicht bewußt zu sein scheint, daß sie für ihre Aktien an der Börse einen weitaus höheren Preis erzielen können."Da die Angebote mit Briefkopf der Bank an die Anleger weitergesandt werden, bekommen die Offerten so einen halboffiziellen Charakter", sagt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).Hinzu kommt, daß Banken bei der Weitergabe von Übernahmeangeboten nicht verpflichtet sind, in das Anschreiben an den Anleger den aktuellen Börsenkurs der Aktien zu nennen.

Stark im Geschäft mit Klein-Übernahmen zum Schottenpreis sind die Investoren Ira Gainer und Barry Zemel aus Phoenix/Arizona.Sie agieren über die Firmen Peachtree Partners, Summit Venture Partners oder IGHoldings.Als eine der ersten Gesellschaften mit der Übernahme-Masche trat der Odd Lots Liquidity Fund aus dem kalifornischen Irvine auf den Plan."Die Kunden sparen dabei Gebühren eines Verkaufs über die Börse", rechtfertigt Sprecher Jim Riley die Angebote.Insbesondere Nachlaßverwalter würden die Angebote annehmen, um die Depots zu bereinigen.Zum genauen Procedere und der Erfolgsquote wollte sich Riley auf Nachfrage nicht äußern: "Wir operieren in einer Nische.Ich will nicht, daß noch andere auf die Idee kommen."

Das Kostenargument zieht aber nicht:Hätte Thomas L.seine Philip-Morris-Aktien über die Sparkasse an der New Yorker Börse verkauft, hätte er nur 2,5 Prozent vom Verkaufserlös als Gebühr bezahlt.Das Peachtree-Angebot lag satte 30 Prozent unter dem Marktwert.

Anlegerschützer fordern nun, daß die Banken bei der Weitergabe dieser Offerten zumindest den Börsenkurs nennen oder "einen kommentierenden Satz" hinzuschreiben.Die Banken verhalten sich hierbei noch sehr unterschiedlich: In den USA reichen die Depotbanken die Angebote automatisch an ihre Kunden weiter.In Deutschland sind die Kreditinstitute jedoch nicht verpflichtet, jedes Übernahmeangebot weiterzuleiten.

Nach Ziffer 16 der von den Banken formulierten Sonderbedinungen für Wertpapiergeschäfte müssen nur Informationen weitergeleitet werden, soweit sie sich auf die Rechtsposition des Wertpapier-Inhabers "erheblich" auswirken."Diese Formulierung ist auslegbar", sagt Jürgen Kurz von der DSW.Das machen sich einige Banken durchaus zunutze: Die Dresdner Bank leitet nach eigenen Angaben die Angebote nicht weiter, da sie offensichtlich zum Nachteil ihrer Kunden sind.

"Wir haben Angebote von Peachtree Partners nicht weitergereicht, da sie aus unserer Sicht unvollständig waren", erläutert Reiner Rinkowitz, Leiter der Abteilung Brokerage bei der Bank 24, der Direktbank der Deutschen Bank.Er vermißte Angaben über die Art der Abwicklung.Der Preis des Angebotes sei indes nicht geprüft worden.Allerdings würden alle Übernahmeangebote konzernweit grundsätzlich nur mit Nennung des aktuellen Kurses der betreffenden Aktie an die Kunden gesandt, versichert Rinkowitz.

Die Direkt Anlage Bank hingegen schickt an ihre Kunden grundsätzlich jedes Angebot "ganz neutral und schriftlich", wie das Institut mitteilte.

In den Vereinigten Staaten ist inzwischen auch die Börsenaufsicht auf die zweifelhaften Angebote aufmerksam geworden.Die SEC arbeitet derzeit an neuen Richtlinien, um die Informationspflichten für diese Offerten zu erhöhen.Damit will die US-Börsenaufsicht erreichen, daß die Anleger die schlechten Angebote behandeln wie Thomas L.aus Westhofen: Der warf es sofort in den Mülleimer.

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