Wirtschaft : Kleine Megacity

Berlin-Brandenburg will international Vorbild sein. Aber auch ein bisschen preußisch bleiben.

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Das gab es schon einmal: Völker der Welt, schaut auf diese Stadt! Nicht in gleicher Dramatik, aber gleichsam ernst gemeint, bediente sich Hartmut Stiller des berühmten Ernst-Reuter-Zitats. Berlin sei in Deutschland „der Blueprint für Elektromobilität“, sagte der für E-Mobilität zuständige Manager beim Energieversorger Vattenfall. Von den vier deutschen Schaufenstern – mit dabei sind noch Bayern/Sachsen, Baden-Württemberg und Niedersachsen – sei die Hauptstadtregion jene, die bundesweit wie international am interessiertesten beobachtet werde.

150 öffentlich und industriell geförderte Projekte finden sich in Berlin-Brandenburg. Ein Drittel davon läuft aktuell, die meisten anderen sind noch in der Planungsphase. Insgesamt arbeitet das Schaufenster mit einem Projektvolumen von 100 Millionen Euro. 220 öffentliche Ladepunkte stehen bereits für bisher 1200 Elektroautos zur Verfügung. Bis Ende 2015 sollen es 1600 Ladestationen werden.

Berlin sei auf gutem Wege, sagte Ulrich Eichhorn vom Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA). Und das mit vermeintlich schwierigeren Rahmenbedinungen als die übrigen Schaufenster: „Wir sind hier auf neutralem Grund. Kein Highend-Mittelständler aus der Automobilbranche ist mit der Region verknüpft.“

Das habe Berlin-Brandenburg allerdings auch nicht nötig. Als Labor für Elektromobilität bringt die Region bereits beste Voraussetzungen mit: ein dichtes öffentliches Verkehrsnetz, viele Carsharing-Anbieter und eine für Elektroautos offene Bevölkerung. „Die jungen Berliner sind ein sehr gutes Publikum“, sagte die Verkehrsforscherin Barbara Lenz, „da stoßen wir auf offene Ohren in Sachen E-Mobilität.“ Allerdings, bemängelt Lenz, tue das Schaufenster noch nicht genug, um Elektroautos spannend zu machen. Die Fahrzeuge würden fast ausschließlich auf die Verfügbarkeit von Steckdosen reduziert: „Warum macht sie keiner zum Lifestyleobjekt?“

Dabei hat Berlin-Brandenburg ganz andere Vermarktungsprobleme. Die Stadt ist mit 3,5 Millionen Einwohnern alles andere als eine „Megacity“. Dass Elektromobilität hier funktionieren kann, liegt vor allem an der überschaubaren Verkehrslage. „Wirkliche Megacitys in Asien lachen uns aus, wenn wir von Verkehrsproblemen und Luftverschmutzung reden“, sagte Eichhorn. Dennoch glaubt der VDA-Mann, das Berlin-Brandenburg als Schaufenster funktioniert. Man arbeite hier vorausschauender, anstatt eilige „Bastellösungen“ anzubieten.

Ein Kompliment, das Staatssekretär Christian Gaebler (SPD), verantwortlich für Verkehr und Stadtentwicklung, gerne annimmt. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, sagte er, arbeite derzeit an einem Konzept, Berlin bis 2050 klimaneutral zu machen. Feste Termine gäbe es noch nicht, aber Gaebler erwartet, dass „die öffentliche Verwaltung in den nächsten Jahren mit gutem Beispiel vorangeht“. Wichtig sei, dass die Stadt auf „Showeffekte“ verzichte, wie er sie jüngst bei Hamburg gesehen habe.

In der Hansestadt treibt der Erste Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) den Umbau des ÖPNV voran. Bis 2020 sollen alle Busse emissionsfrei fahren. „Wir wollen nicht zeigen, sondern machen“, hatte Scholz am Donnerstag auf dem eMobility Summit gesagt. Hamburg war bei der Vergabe der vier Schaufensterregionen für Elektromobilität im vergangenen Jahr leer ausgegangen.

Dass die Hansestadt nun vorprescht, macht die Planer in Berlin dann doch ein wenig nervös. „Wir sind oft zu kompliziert“, sagte Staatssekretär Gaebler. Die Verwaltung des Schaufensterprozesses sei in der Praxis „schwieriger, als wir es zuvor erwartet haben“.

Vor Schnellschüssen wolle man sich dennoch schützen. „Vielleicht dauern die Dinge hier länger“, sagte Ulrich Eichhorn mit Blick auf die Automobilindustrie. In China und Japan würde schon gebaut, während man in Deutschland noch beantrage – „aber dafür taugt das Produkt hier dann auch was“. Vielleicht könne Berlin, sagte Gaebler, dann ein Vorbild für andere Megacitys sein, wenn es deren Pragmatismus mit der heimischen Gründlichkeit verbinde. Marc Röhlig

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