Kleiner Krisenführer : Was keimt

Krise? Welche Krise? Die meisten Deutschen scheinen den Ernst der Lage noch nicht erkannt zu haben. Wie ist es sonst zu erklären, dass die Mehrzahl so gelassen bleibt? Zehn Dinge, die Sie erledigen sollten, bevor es richtig ernst wird.

Maren Peters
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Was ist bloß mit den Deutschen los? Das Volk, sonst als Gemeinschaft zuverlässiger Schwarzseher, Skeptiker und Pessimisten berüchtigt, bleibt ausgerechnet in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1929 total gelassen. Trotz täglich neuer Horrormeldungen über Kurzarbeit, Entlassungen und düstere Wachstumsprognosen hält sich die Konsumlust seit Monaten auf hohem Niveau, wie die Gesellschaft für Konsumforschung immer wieder überrascht feststellt. Die Deutschen, als Sparweltmeister belächelt, geben das Geld mit vollen Händen aus. Und kaufen nicht nur Autos, weil die wegen der Abwrackprämie gerade besonders günstig zu haben sind, sondern auch Kühlschränke, Fernseher und was sonst noch groß und teuer ist. Ja, lesen die denn keine Nachrichten? Oder begreifen sie den Ernst der Lage nicht? Wollen sie vielleicht einfach nichts davon wissen?

Die Wahrheit ist: Die Konsumenten schätzen ihre Lage absolut richtig ein. „Die Krise ist zwar jeden Tag in den Medien sehr stark präsent, tatsächlich sind die meisten Deutschen aber noch nicht persönlich betroffen“, sagt Andrea Gröppel-Klein, Professorin am Institut für Konsum- und Verhaltensforschung an der Universität des Saarlandes, dem Tagesspiegel. „Der entscheidende Faktor ist die Entwicklung der Arbeitslosigkeit“, bestätigt auch Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung. Bislang müssen sich vor allem die Beschäftigten der Automobilindustrie und ihrer Zulieferer sowie des Maschinenbaus Sorgen um ihre Jobs machen. Dagegen kann die Mehrzahl der Arbeitnehmer in ihrem eigenen Unternehmen noch kein Zeichen der Krise erkennen. „Erst wenn die Angst vor der eigenen Arbeitslosigkeit zunimmt, hat das Auswirkungen auf den Konsum“, erklärt Bürkl.

Noch überwiegt Gelassenheit, in der Hauptstadt genauso wie im Rest der Republik. 63 Prozent der Berliner spüren noch „keinerlei persönliche Auswirkungen der Finanzkrise“, wie eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Info im Auftrag der Berliner Sparkasse ergeben hat. Nur 15 Prozent sagen, sie hätten Verluste bei Geldanlagen erlitten. Ein Zehntel fürchtet um seinen Job. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich zwar bei rund einem Drittel der Menschen die persönliche wirtschaftliche Lage verschlechtert, trotzdem sehen noch 40 Prozent der Befragten der Zukunft optimistisch entgegen. Das ist in einer Zeit, in der die Großen der Welt von einem Krisengipfel zum nächsten eilen, eine ganze Menge.

Dass die meisten Deutschen bislang noch krisenresistent und konsumfreudig sind, hat noch andere Gründe. „Da spielt auch die günstige Preisentwicklung eine Rolle“, sagt Konsumexperte Bürkl. Das Benzin ist im Vergleich zum Vorjahr wieder billig, Lebensmittel sind es auch. Die Inflation liegt derzeit bei 0,5 Prozent, 2,6 Prozent waren es noch im Vorjahr. Das hat den positiven Effekt, dass die kräftigen Tariferhöhungen, die es 2008 in vielen Branchen gegeben hat, nicht mehr von Preissteigerungen aufgefressen werden. „Das bietet zusätzliche Konsummöglichkeiten“, sagt Wissenschaftlerin Gröppel-Klein. Mit Appetizern wie der Abwrackprämie, der Wiedereinführung der Pendlerpauschale und zahlreichen Rabatten, die Händler derzeit geben, um die Kunden bei Laune zu halten, macht das Shoppen umso mehr Spaß.

Es mag auch die Angst vor dem Verlust des Ersparten sein, die das Geldausgeben erleichtert. Die Wirtschaftskrise begann als Finanzkrise. Nicht nur Geschädigte der Pleitebank Lehman Brothers haben den Eindruck gewonnen, dass ihre vermeintlich sicheren Aktienoptionen nicht mehr sicher sind und die nächste Inflationswelle droht – und investieren ihr Geld lieber in bleibende Werte wie eine teure Uhr oder ein Haus.

Derweil ahnen die meisten natürlich, dass das dicke Ende noch bevorsteht. „Das ist ein bisschen wie im Berlin der 20er Jahre“, meint Konsumforscherin Gröppel-Klein. „Wir genießen das Hier und Jetzt und gönnen uns was – wer weiß, ob wir es uns in einigen Jahren noch leisten können.“

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