Kleinfeld-Nachfolge : Siemens verpflichtet Löscher langfristig

Der Siemens-Konzern plant langfristig mit dem neuen Vorstandschef Peter Löscher. Bundeswirtschaftsminister Glos sieht in der Ernennung den Willen für einen Neuanfang.

München - Der neue Vorstandsvorsitzende habe einen Fünf-Jahres-Vertrag erhalten, sagte ein Siemens-Sprecher. Zur Höhe der Vergütung äußerte sich der Konzern nicht. Die Börse reagierte nach dem wochenlangen Führungschaos bei Siemens erleichtert auf die Berufung des Pharma-Managers Löscher zum neuen Siemens-Chef. Die Siemens-Aktie legte zur Eröffnung um mehr als zwei Prozent auf 94,60 Euro zu, musste im Lauf des Tages aber wieder den Großteil der Gewinne abgeben.

Auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) begrüßte die Ernennung Löschers. Glos sagte zu Löschers Berufung, "ich habe den Eindruck, dass hier der Wille vorgeherrscht hat, einen Neuanfang zu machen und jemanden zu suchen, dem man keine Vorwürfe zu Vorgängen in der Vergangenheit machen kann". Dies sei eine "sorgfältige, ausgewogene Entscheidung", bei der auch die Arbeitnehmer-Vertreter mit eingebunden gewesen seien. "Damit kann er Siemens unbelastet von der Vergangenheit in die Zukunft führen."

Der Aufsichtsrat hatte den vom US-Pharmakonzern Merck & Co kommenden Löscher am Vortag zum Nachfolger von Klaus Kleinfeld ernannt, der im Zuge der Schmiergeldaffäre bei Deutschlands größtem Elektrokonzern seinen Rücktritt angekündigt hatte. "Wir glauben, dass der Aufsichtsrat am Ende eine sehr gute Wahl getroffen hat", sagte Michael Hagmann von der Investmentbank UBS. Auch andere Analysten äußerten sich positiv. Die Aktie war bereits am Freitag nach ersten Anzeichen für eine baldige Lösung der Führungskrise um mehr als vier Prozent gestiegen.

"Die Unsicherheit ist weg"

Löscher übernimmt den Vorstandsvorsitz am 1. Juli. In der Öffentlichkeit war er bisher weitgehend unbekannt. Das Unternehmen und die Finanzmärkte hoffen aber, dass der Österreicher den Siemens-Konzern aus der schwersten Krise seiner Geschichte führen kann.

Experten äußerten sich vor allem erleichtert, dass eine Lösung gefunden wurde. "Die Unsicherheit ist weg", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, Klaus Schneider, sagte: "Ich glaube, das ist ein sehr guter Kandidat." Löscher bringe gute Voraussetzungen mit.

Arbeitnehmervertreter zeigen sich erfreut

Auch im Umfeld des Unternehmens wurde auf die internationale Erfahrung Löschers verwiesen. Zuletzt zeichnete dieser beim US-Pharmakonzern Merck als President Global Human Health für das Geschäft mit Impfmitteln und Medikamenten in den USA, Asien, Europa, dem Nahen Osten und Afrika verantwortlich. Zuvor war er unter anderem für General Electric und Aventis zuständig. Löscher gilt als Integrationsfigur und als strategischer Planer.

Die Arbeitnehmervertreter hatten die Berufung Löschers ebenfalls begrüßt. Man habe "den Eindruck gewonnen, dass Herr Löscher mit seiner Persönlichkeit in der Lage ist, die Führungskrise bei Siemens zu lösen und den Konzern in ruhigere Wasser zu führen", erklärte der Gesamtbetriebsrat. Löscher habe zugesagt, dass es keine Kahlschlagpolitik in Deutschland oder anderswo geben werde.

Schmiergeldaffäre kann sich drei bis vier Jahre hinziehen

Unterdessen hat sich die Affäre um Korruption und schwarze Kassen dem "Focus" zufolge nochmals dramatisch ausgeweitet. Laut Justizkreisen seien bereits verdächtige Zahlungen in Höhe von drei Milliarden Euro festgestellt worden - eine Milliarde im Bereich Kommunikation und zwei Milliarden in anderen Geschäftsfeldern. Die Affäre um Korruption und schwarze Kassen könne sich noch drei bis vier Jahre hinziehen, heißt es in der neuen Ausgabe. Bis Ende 2007 wollten die Staatsanwälte in der ersten Verfahren Anklagen erheben. Siemens hatte bislang von 420 Millionen Euro an verdächtigen Zahlungen gesprochen, aber auch angekündigt, dass die Summe nach der Überprüfung anderer Bereiche steigen könnte. (tso/dpa)

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