Wirtschaft : Kleinfeld wirft hin

Der Siemens-Chef bekommt im Aufsichtsrat keine Unterstützung – die Börsen bedauern seinen Rückzug

Nicole Huss

München - Siemens-Chef Klaus Kleinfeld verlässt den Konzern spätestens im Herbst. Er stehe nicht für eine Verlängerung seines Vertrags zur Verfügung, teilte Siemens am Mittwoch nach einer Sitzung des Aufsichtsrates mit. Das Unternehmen steht damit nach dem Weggang von Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer Ende vergangener Woche führungslos da.

Kleinfeld begründete seinen Schritt mit der Diskussion um seine Vertragsverlängerung. Aus dem Aufsichtsrat sei die Vorstellung an ihn herangetragen worden, über seine Zukunft erst später entscheiden zu wollen, schrieb er in einem Brief an die rund 470 000 Beschäftigten. „Ich erachte die Unklarheit über die Führung sowie über meine Person für belastend und untragbar für das Unternehmen.“

Siemens müsse uneingeschränkt handlungsfähig bleiben. „Daher habe ich mich entschlossen, für die Verlängerung meines Vertrages nicht mehr zur Verfügung zu stehen.“ Er selbst habe sich nichts vorzuwerfen. Siemens befinde sich inmitten tiefgreifender Korruptionsermittlungen, habe aber wirtschaftliche Erfolge vorzuweisen, erklärte Kleinfeld. Das Unternehmen ist der größte industrielle Arbeitgeber in Berlin und unterhält in der Stadt seinen größten Produktionsstandort.

Kleinfeld, der 2005 an die Spitze gekommen war, hatte bis zuletzt um seinen Posten gekämpft. Doch für die notwendige Zweidrittelmehrheit im Aufsichtsrat, die zur Verlängerung des Vertrages nötig gewesen wäre, fehlte ihm offenbar die Unterstützung. Als treibende Kräfte hinter Kleinfelds Abgang gelten Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sowie der neue Leiter des Kontrollgremiums, Gerhard Cromme. Er wurde gestern zum Nachfolger Heinricht von Pierers gewählt, der erst vergangenen Donnerstag zurückgetreten war – ebenfalls im Zuge der Korruptionsaffären. Im Aufsichtsrat gab es vor der Sitzung die Befürchtung, Kleinfeld könne doch in die Bestechungsfälle verwickelt sein. Cromme unterstrich allerdings, dass es derzeit dafür keine Anhaltspunkte gebe.

Die IG-Metall-Vertreter im Aufsichtsrat würdigten, dass Kleinfeld die Aufklärung der Schmiergeldskandale unterstützt hat. „Wir bedauern sehr, dass Herr Kleinfeld dem Unternehmen nicht mehr als Vorstandsvorsitzender zur Verfügung stehen wird“, erklärten die sieben Gewerkschafter, unter ihnen der IG-Metall-Vizechef Berthold Huber.

An der Börse wurde Kleinfelds Rückzug mit Enttäuschung aufgenommen. Die Siemens-Aktie verlor an der Frankfurter Börse knapp ein Prozent, in New York waren es mehr als 6,5 Prozent. Am Dienstagabend, zwei Tage früher als geplant, hatte Siemens überraschend Zahlen für das erste Quartal vorgelegt. Kleinfeld hatte damit seine Position stärken wollen.

Aktionärsvertreter bedauerten Kleinfelds Rückzug. „Die Börse hätte Herrn Kleinfeld gerne behalten“, sagte Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, dem Tagesspiegel. „Seine erfolgreiche Arbeit schlägt sich im Ertrag und den guten Zahlen von Siemens nieder.“ Die Ablösung von Pierers und Kleinfelds binnen weniger Tage „werde im Konzern aber Spuren hinterlassen. Grabenkämpfe sind vorprogrammiert", sagte Hocker.

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