Klima : Unabhängiger vom Schnee werden

Noch macht die Sportartikelbranche auf Schönwetter. Der schneearme Winter sei nicht Folge des Klimawandels, sondern ein Wetterphänomen. Doch diese Wetterextreme dürften sich in den nächsten Jahren häufen.

München - "In den letzten Jahrzehnten hatten wir immer wieder einmal einen schwachen Winter", sagt Siegfried Paßreiter vom Bundesverband der Deutschen Sportartikel-Industrie. Dennoch gibt dieser Winter Herstellern und Händlern einen Vorgeschmack auf das, was bald öfter vorkommen dürfte: Zum Weihnachtsgeschäft waren die meisten Pisten grün, die Skier lagen wie Blei in den Regalen. Selbst jetzt im Februar sind die Talabfahrten vieler Skigebiete noch nicht befahrbar. Die Zukunft der Ski-Industrie ist daher auf der Sportartikelmesse ispo (bis 7. Februar) eines der zentralen Themen. Dabei will die Industrie auch Nachfolger des Carving-Skis präsentieren und so einen Schub auslösen.

Rund vier Millionen Paar Alpin-Ski verkaufen die Hersteller im Jahr. Dabei sind sie stark von der Witterung abhängig. Im November und Dezember brach der Absatz vielerorts um die Hälfte ein. "Wir machen uns nicht erst seit diesem Winter Gedanken, wie wir auf einen möglichen Klimawandel reagieren", sagt Gregor Dietachmayr vom drittgrößten Skihersteller Fischer. Auch die Sporthändler sehen Handlungsbedarf. So betont Geschäftsführer Andreas Rudolf vom Einkaufsverbund Sport 2000: "Wir müssen unabhängiger werden vom Wetter."

Markenpräsenz von den Skipisten in die Städte bringen

Denn laut Experten dürften sich Wetterextreme in den nächsten Jahren häufen. Er setze auf einen Ausbau der Marke und des Modeangebots, um vom Schnee unabhängiger zu werden, sagt Rossignol- Deutschlandchef Thomas Stumpp. Die Kunden des Ski-Konzerns, der bei Alpin-Ski weltweit auf einen Marktanteil von gut 13 Prozent kommt, sollen eine Rossignol-Jacke nicht nur auf der Piste, sondern auch in der Stadt anziehen. "Die Marke soll 365 Tage im Jahr präsent sein." Ähnlich sieht man es beim Konkurrenten Fischer, der in der neuen Saison erstmals mit einer Alpin- und Freizeitbekleidungs-Kollektion an den Markt geht.

Der schwierige Winter trifft die Ski-Industrie in ohnehin nicht einfachen Zeiten. Der große Boom ist rund zehn Jahre nach Einführung der Carving-Modelle wieder abgeebbt, die Hersteller liefern sich einen harten Preiskampf. Nur ganz zu Beginn der Saison sind Skier zum regulären Preis zu verkaufen. Deshalb setzen die Hersteller auf Nischen und Individualisierung. So präsentiert Völkl auf der ispo Skier, bei denen der Fahrer mit einem Rädchen - dem "Power Switch" - je nach Fahrlaune und Pistenbeschaffenheit die Fahreigenschaften des Skis einstellen kann. Rossignol geht in eine ähnliche Richtung und arbeitet mit austauschbaren Adaptern, mit denen der Ski mal eher aggressiv und mal eher gemütlich gefahren werden kann. Vor allem aber will die Ski-Industrie die Ablösung des Carving-Skis einläuten. Unter dem Motto "Mit breiter Mitte fährt man besser" wollen alle Hersteller gemeinsam einen neuen Trend zu breiteren Skiern durchsetzen.

Denn trotz Klimawandels ist der Skisport nach Einschätzung der Branche keinesfalls am Aussterben. Die Anreise ins Skigebiet wird nur möglicherweise etwas länger anfallen, wenn in den bayerischen Alpen und den deutschen Mittelgebirgen nichts mehr geht. "Wie wir jetzt zum Tauchen auf die Malediven fahren, gehen wir in 20 Jahren vielleicht zum Skifahren nach Sibirien." (tso/dpa)

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