Klimamanager (1) : "Wir stehen vor einer doppelten Herkules-Aufgabe"

Die Politik muss in der Krise vor allem Technologien von morgen fördern. Die Welt steht vor einer technologischen Zeitenwende. Der Klimabeschluss der G 8 ist ein Fortschritt.

Dieter Zetsche
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Dieter Zetsche -Foto: dpa

Was ist die erste Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit deutscher Unternehmen? Die ehrliche Antwort lautet: das Überleben der Gegenwart. Unter den Bedingungen der Wirtschaftskrise ist das leider keine Selbstverständlichkeit. Dafür ist die Rezession zu tief, die Verunsicherung zu groß. Überleben allein ist aber nicht genug. Krisenzeiten sind immer auch Umbruchphasen, in denen die Karten für die Zeit danach neu verteilt werden. Welches Blatt deutsche Unternehmen morgen in der Hand halten werden, entscheidet sich deshalb schon heute.

Ein wichtiger Trumpf werden dabei umweltfreundliche Produkte und Technologien sein: Mag die Wirtschaftskrise die globale Erwärmung auch vorübergehend von den Titelseiten verdrängt haben – gestoppt hat sie den Klimawandel nicht. Mit Recht sind deshalb die Wiederbelebung der Wirtschaft und der Schutz des Klimas in vielen nationalen Konjunkturpaketen eng miteinander verzahnt.

Nun haben die Staats- und Regierungschefs der G 8 auf ihrem Gipfel im italienischen L’Aquila ein konkretes Klimaschutz-Ziel definiert: die Begrenzung des weltweiten Temperaturanstiegs auf maximal zwei Grad Celsius. Dieser Beschluss ist ein wichtiger Fortschritt, denn zum ersten Mal bekennen sich alle G-8-Staaten zu dem Ziel, den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken. Dennoch bleibt bis zur internationalen Klimakonferenz in Kopenhagen noch viel zu tun; der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Für die Wirtschaft sind die Klimaziele von L’Aquila eine Herausforderung – aber die deutsche Industrie nimmt sie ausdrücklich an.

Im Grunde steht die deutsche Wirtschaft damit vor einer doppelten Herkules-Aufgabe – und nirgendwo wird das so deutlich wie in der Automobilindustrie: Auf der einen Seite gehen durch die Krise die Erträge zurück. Auf der anderen Seite müssen wir uns für eine potenziell veränderte Wettbewerbslage nach der Krise wappnen, unsere Stellung in den Schwellenländern stärken und weiterhin massiv in grüne Technologien investieren.

Die bereits erzielten Fortschritte bei umweltfreundlichen Antrieben können sich sehen lassen, zum Beispiel bei der Diesel- und Hybridtechnologie. So kommt die sauberste und sparsamste Luxuslimousine der Welt mit Hybridantrieb nicht aus Fernost, sondern Deutschland. Das langfristiges Ziel bleibt aber das emissionsfreie Fahren: In London sind bereits Elektrofahrzeuge der Marke Smart unterwegs; auch in Berlin startet noch in diesem Jahr ein Pilotversuch mit dem E-Smart. 2010 folgen Modelle von Mercedes-Benz mit Batterie- und Brennstoffzellenantrieb.

Wie schnell das elektrische Fahren flächendeckend Realität wird, hängt neben der Infrastruktur vor allem von der Batterietechnologie ab. Die Entwicklung dieser Technologie zeigt, welche Chancen die technologische Zeitenwende für den Standort Deutschland birgt: So beginnt hierzulande in zwei bis drei Jahren die Herstellung von modernsten Lithium-Ionen-Batterien für automobile Anwendungen. Gleichzeitig führen wir das international vorhandene Know-how auf diesem Gebiet zusammen: Dazu hat sich Daimler beispielsweise erst vor wenigen Wochen an dem kalifornischen Elektroauto-Pionier Tesla beteiligt.

Das alles sind Schritte zu einer technologischen Zeitenwende, deren Folgen weit über die Automobilindustrie hinausgehen: Unsere Abhängigkeit vom Öl nimmt ab, dafür entstehen neue Schnittstellen mit Stromversorgern,Wasserstoffanbietern und anderen Partnern.

Die Automobilindustrie mag also wirtschaftlich momentan im Abschwung sein; technologisch ist sie längst im Aufbruch – und genau darauf kommt es jetzt an. Ob in unserer Branche oder anderswo: Nur mit den richtigen Innovationen gehen erfolgreicher Umweltschutz und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand. Die Politik sollte darum auch in der Krise vor allem eins tun: die Technologien von morgen fördern.

Der Autor ist Vorstandschef der Daimler AG, einem Mitglied der BDI-Initiative „Wirtschaft für Klimaschutz“ (www.wirtschaftfuerklimaschutz.eu).


Mit dem Text von Dieter Zetsche startet eine neue Tagesspiegel-Serie. Jeweils samstags lesen Sie im Juli und August im Ressort Wirtschaft Gastbeiträge  führender deutscher Manager über die Herausforderungen des Klimawandels. So soll vor der Uno-Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen deutlich werden, von welchen Überlegungen sich die deutsche Industrie leiten lässt. Tsp

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