Klimamanager Werner Wenning : "Wir brauchen eine zweite grüne Revolution"

Der Klimawandel schadet den Ernteerträgen. Biotechnologie könnte die Ernährung der Zukunft sichern.

Der drohende Klimawandel ist eine der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit. Viele Lösungsvorschläge fokussieren sich auf eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen. Das ist richtig und notwendig. Es gilt, die Belastung der Atmosphäre mit Klimagasen signifikant zu senken. Dies muss auch der Kern des neuen Klimaschutz-Abkommens sein, das die Weltgemeinschaft Ende dieses Jahres in Kopenhagen verabschieden will.

Auch Industrieunternehmen müssen und werden einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Denn die Industrie ist ein Teil des Problems – doch nachhaltig operierende Unternehmen können auch wesentlich zur Lösung beitragen. Unser Ziel muss sein, weltweit Treibhausgase weiter zu reduzieren und die Energie-Effizienz in unseren Produktionsanlagen zu steigern. Zudem können innovative Produkte zur Energie-Einsparung und Ressourcenschonung beitragen. Beispiel Bau: Moderne Dämmstoffe können den Bedarf an Wärmeenergie um bis zu 50 Prozent senken. Beispiel Auto: Der Einsatz von leichten Kunststoffen führt zu weniger Verbrauch. Beispiel Energie: Nanomaterialien können Kunststoffe leichter und stabiler machen – auch für die Anwendung in Windkraftanlagen.

Die Veränderung des Weltklimas stellt uns aber auch vor neue Herausforderungen, die derzeit noch wenig im öffentlichen Interesse stehen. Fakt ist: Wir alle werden uns an die Folgen des Klimawandels anpassen müssen. Ein zentraler Bereich ist in diesem Zusammenhang die Landwirtschaft.

Im Jahr 2050 werden voraussichtlich mehr als neun Milliarden Menschen auf der Erde leben – ein Drittel mehr als heute. Gleichzeitig nimmt die landwirtschaftliche Anbaufläche ab – nach Prognosen der Vereinten Nationen ist bis 2050 mit einer Reduktion um ein Drittel zu rechnen. In nicht einmal zwei Generationen werden also pro Kopf zwei Drittel weniger Agrarfläche zur Verfügung stehen als heute. Zur Ernährung der Weltbevölkerung sind daher die Sicherung der Ernteerträge und die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität von elementarer Bedeutung. Dies ist umso dringlicher, da bereits heute fast eine Milliarde Menschen hungert.

Die Ernteerträge sind aber immer wieder bedroht: Dürreperioden, übermäßige Niederschläge, extreme Hitze oder salzige Böden können zu erheblichen Ernte- einbußen von bis zu 80 Prozent führen. Der Klimawandel verschärft diese Anbaubedingungen. Zweifelsfrei besteht hier also erhöhter Lösungsbedarf.

Manche Pflanzenschutzmittel, die Schädlinge bekämpfen, erhöhen auch die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen. Während Pflanzenschutzmittel hierzulande in der Regel eher hingenommen als akzeptiert werden, sind sie für die weltweite Ernährungssicherheit unverzichtbar: Sie verhindern heute den Ausfall von nahezu der Hälfte der globalen Erträge. Unternehmen wie Bayer sind zudem intensiv auf der Suche nach neuen Ansätzen, um die Widerstandsfähigkeit von Pflanzen zu erhöhen. Die Pflanzenbiotechnologie verspricht für die Zukunft interessante Fortschritte. Allzu häufig wird diese Schlüsseltechnologie in Deutschland pauschal abgelehnt. Anstatt Zukunftschancen leichtfertig zu verspielen, sollten wir ihr Potenzial verstärkt erforschen und nutzen.

Angesichts der durch den Klimawandel noch verschärften Anbaubedingungen der Landwirtschaft und des steigenden Bedarfs an Lebensmitteln brauchen wir eine „zweite grüne Revolution“. Nach der ersten grünen Revolution in den 1960er Jahren benötigen wir einen erneuten landwirtschaftlichen Produktivitätsschub. Hier sind die Unternehmen in der Pflicht. Aber auch die Politik: Die öffentlichen Ausgaben für Agrarforschung und die landwirtschaftliche Infrastruktur reichen dafür noch nicht aus.

Der fortschreitende Klimawandel verlangt nach zahlreichen Maßnahmen, um den Ausstoß von CO2 zu senken und damit den drohenden Temperaturanstieg aufzuhalten. Er verlangt aber auch jetzt schon nach Konzepten, um die Folgen des Klimawandels zu bewältigen. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender von Bayer, einem Mitglied der BDI-Initiative „Wirtschaft für Klimaschutz“ (www.wirtschaftfuerklimaschutz.eu)

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