Klimaschutz : Das Elektroauto soll's retten

Nachdem Biosprit durch die Nahrungskrise in Verruf gekommen ist, setzt man in der Europäischen Union auf das Elektroauto. Doch auch an seiner Verwendbarkeit gibt es Zweifel: Hat Deutschlands Stromnetz die Kapazitäten, so ein Gefährt schnell genug wiederaufzuladen?

BrüsselDas Elektroauto ist in der Europäischen Union angekommen. Bis vor kurzem galt Biosprit als wichtigstes Mittel für Europas Klimaschutz und für mehr Unabhängigkeit vom Öl. Eine Nahrungskrise später heißt das Zauberwort in Brüssel "Elektroauto". Am Donnerstag nahm der Entwurf ITRE/6/58782 im Industrieausschuss des Europaparlaments eine entscheidende Hürde. Weniger Biotreibstoff, mehr Elektroautos, lautet einer der wichtigsten Punkte.

Lobbygruppen bombardierten die Ausschussmitglieder vor der Entscheidung mit Anrufen und Mails. "Wir standen ganz schrecklich unter Druck", sagt der Mitarbeiter eines Abgeordneten. Bauernverbände und Biokraftstofffirmen wehrten sich gegen die Aufweichung des Ziels, dem Sprit bis zum Jahr 2020 zehn Prozent Bioanteil beizumischen. Sogar die malaysische Regierung meldete sich zu Wort und forderte, die Produktionsländer für Biosprit nicht mit neuen Regeln zu benachteiligen. Umweltverbände - darunter Greenpeace und Friends of the Earth Europe - warnten wiederum aus Sorge um Natur und Lebensmittelpreise vor einem Ausbau der Biospritkapazitäten.

1200 Änderungen arbeitete der Grünen-Politiker Turmes in den umstrittenen Entwurf ein

"Die hohen Ölpreise haben die Politik in die Agrotreibstofffalle getrieben", sagt der Grünen-Abgeordnete Claude Turmes. Das Ziel eines Zehn-Prozent-Anteils von Biosprit im Verkehr bis 2020 müsse deshalb abgeschwächt werden. Als federführender Abgeordneter arbeitete Turmes 1200 Änderungen in den heftig diskutierten Entwurf ein.

Statt den Biosprit-Anteil wie von den Staats- und Regierungschefs beschlossen massiv auszubauen, will der Industrieausschuss nur noch sechs Prozent herkömmlichen Biosprit vorschreiben. Dieser wird unter anderem aus Raps produziert und als Teilursache für Preisexplosionen bei Lebensmitteln gesehen. Deshalb sollen als Alternative bald in der EU möglichst viele E-Autos über die Straßen rollen - sie dürften aber nur "grünen" Strom aus erneuerbaren Energien tanken.

Angestrebt werden neue Treibstoffe aus Algen und Biomasse

Der Ausschuss strebt auch mehr Autos mit Hybridantrieben an. Zudem sollen neue Treibstoffe aus Algen und Biomasse, die nicht in Konkurrenz zu Nahrungs- oder Futtermitteln stehen, neben herkömmlichen Biokraftstoff treten. Alle Maßnahmen zusammen sollen in zwölf Jahren einen Anteil von zehn Prozent am Energieverbrauch im Verkehr ausmachen. Auch die EU-Umweltminister stützen die dezente "Biosprit-Wende", sie hatten den Meinungswandel zuvor selbst ins Spiel gebracht. Der Plan sieht vor, die Ziele 2014 noch einmal komplett auf den Prüfstand zu stellen - da sich die technologischen Veränderungen im Verkehr derzeit rasant entwickeln.

"Ich bin Optimist und hoffe, dass das durchkommt", sagt Turmes. Bis Ende 2008 sollen das Parlament und die EU-Staaten ihren Segen geben. Er hat bei den europäischen Politikern einen Sinneswandel ausgemacht. "Die Erdölvorräte werden bis 2035 drastisch sinken, das könnte durch Biosprit ohnehin nicht ersetzt werden." Es gehe darum, Investitionen in Richtung neuer Technologien wie E-Autos zu lenken.

Der Generalsekretär des European Biodiesel Board (EBB), Raffaello Garofalo, hatte bis zuletzt für das verbindliche Biospritziel von zehn Prozent geworben. Von sechs Millionen Tonnen Biotreibstoff 2007 wollte man die Menge bis 2020 auf 20 Millionen Tonnen steigern. Die Branche sieht sich in Misskredit gebracht: "Der Vorwurf, Biosprit hat die Nahrungspreise in die Höhe getrieben, ist schlicht falsch." Doch auch Nutzen und Serienreife der Elektroautos werden schon bezweifelt: Der Verkehrsclub Deutschland wies jüngst darauf hin, das deutsche Stromnetz erlaube noch gar kein schnelles Aufladen. (dpa)

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