Klimaschutz : Der Minister und die Expertin

„Verständlich, ideologiefrei, optimistisch“: Wirtschaftsminister Michael Glos stellt das Klimabuch von Claudia Kemfert vor.

Alfons Frese

Berlin - Der Minister ist gerne gekommen, das sieht man ihm an. Deutlich weniger mürrisch als sonst hockt Michael Glos neben Claudia Kemfert, der jungen blonden Frau aus der Wissenschaft. Letzte Woche haben sie zusammen im Hause Glos, dem Bundeswirtschaftsministerium, den ersten Bericht einer Arbeitsgruppe vorgelegt, die Glos in Klimaangelegenheiten berät. An diesem Dienstagnachmittag revanchiert sich der CSU-Mann in einem Raum der Bundespressekonferenz. Glos stellt Kemferts Buch „Die andere Zukunft“ vor. Locker, leicht und gut verständlich, alles in allem froh der Zukunft zugewandt – so wie Glos den Text der jungen Autorin lobt, so präsentiert er sich und das Objekt seiner Laudatio. „Die Dinge mit Optimismus angehen“, das bescheinigt Glos den 264 Seiten und überhaupt der gerade mal 39-Jährigen, die „als gefragte Talkshow- und sonstige Rednerin die Problematik so darstellt, dass die Menschen das verstehen“. Und auch der Minister.

An dieser Stelle errötet Kemfert und streckt sich noch etwas gerader neben dem hingesunkenen Altpolitiker, der sein Leiden bekennt: „In meinem Haus wird so geschrieben, dass nur der es versteht, der es geschrieben hat.“ Er bittet Kemfert, sich „sprachlich um die Vorlagen meines Hauses zu kümmern“. Bis zum nächsten Kompliment sind es höchstens zweieinhalb Sätze. Ihre Ausdrucksweise sei nicht nur „frisch, unkompliziert, schnörkellos und bildhaft“. Nein, diese Sprache „passt zu Ihnen“. Kemfert, die den gestreiften, dunklen Hosenanzug mit weißer Bluse trägt, in dem sie auch frisch und unkompliziert lachend das Buchcover schmückt, glüht schon wieder und ist verzückt über die warmen Worte des alten Polithaudegen. „Ganz wunderbar“, bedankt sie sich für die lohnenden Worte, und ist „ganz, ganz dankbar, dass Sie das unterstützen“.

Gemeint ist vor allem das Anliegen des Buches: mit Innovationen und einem klimafreundlichen Verhalten weniger CO2 in die Luft zu blasen. Glos wünscht aber auch wirtschaftlichen Erfolg, ähnlich wie ihn Al Gore, der Klimaschützer schlechthin, erfuhr. „Manche sind dadurch reich geworden, dass sie den Weltuntergang prophezeien.“ Frau Kemfert dagegen drücke keinen „Panikknopf“, und zeige „Wirkungszusammenhänge“ auf. So wie er. „Wir sind in einem Boot“, findet der Minister und landet damit bei seinem Lieblingsthema: der Kernkraft, die auch von Kemfert „ohne ideologische Brille gesehen wird“. Er sei auch „kein Fan der Kernenergie“, und überhaupt kein Fan von nichts, vielleicht abgesehen von Frau Kemfert. Doch über die Kernenergie als „Brückentechnologie“ wolle er eben in die Zukunft gehen, gemeinsam mit Kemfert, die für eine Verlängerung der Laufzeiten ist. Und als die Expertenstimme für Energiethemen ein besonderes Gehör findet in der deutschen Öffentlichkeit.

Erstaunlich, dass die DIW-Mitarbeiterin, die auch an der Humboldt-Uni lehrt, neben den permanenten Auftritten noch Zeit für ein Buch hat. Oder nur folgerichtig: Denn Kemfert hat das aufgeschrieben, was sie seit Jahren in jedes Mikrofon spricht: Klimaschutz lohnt sich und kann beispielsweise in Deutschland zu Einsparungen von 800 Milliarden Euro führen, „wenn jetzt die richtigen Schritte eingeleitet werden“. Zum Beispiel 1,3 Milliarden Euro aus der Steinkohleförderung abzuziehen und „in die Erforschung innovativer Energien umzuleiten“. Die Firmen sollten zehn Prozent ihres Gewinns in klimaschutzrelevante Produkte stecken und die Verbraucher jeden Tag 70 Cent ausgeben für Klimaschutz. Kemfert schlägt Ökostrom, ein Hybridauto, und Gebäudedämmung vor. Den Vorschlag, ein Energieministerium zu bilden, nimmt der Wirtschaftsminister dankbar auf. „Die paar Dinge, die Gabriel noch hat, die kommen zu mir ins Haus.“ Der Bayer grinst und wünscht dem Buch viele Leser. Es war ein schöner Nachmittag mit Frau Kemfert. Alfons Frese

Claudia Kemfert: Die andere Klima-Zukunft. Murmann Verlag, 264 Seiten, 19,90 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben