Klimaschutz : Die Industrie wird ökologisch

Die Unternehmensberater von McKinsey rechnen für den BDI die Kosten von Klimamaßnahmen aus. Doch das neue Umweltbewusstsein bringt auch Chancen.

D. Dehmer,A. Frese

Berlin - Die deutsche Industrie entdeckt die Chancen des Klimaschutzes. „Viele Hebel zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen beruhen auf Technologien, Produkten und Dienstleistungen, für die deutsche Unternehmen schon heute innovative Lösungen anbieten“, ist in einer neuen Studie des Bundesverbandes der Deutschen Industrie zu lesen. Und wenn diese sogenannten Heber auch tatsächlich im Inland umgesetzt und ins Ausland exportiert würden, könne sich das „auf Wirtschaft und Beschäftigung in Deutschland spürbar positiv auswirken“. Das sind neue Töne für den Industrieverband, der die von McKinsey erstellte Expertise unter dem Titel „Kosten und Potenziale der Vermeidung von Treibhausgasemissionen in Deutschland“ in der kommenden Woche vorlegen will.

Von einer „erstaunlich guten Studie“ spricht Claudia Kemfert, Energieexpertin des Berliner DIW. Offenbar wolle der Industrieverband „aus der Rolle des ewigen Nörglers raus“. Die Aufstellung der CO2-Vermeidungsstrategien und -kosten sei „sehr realistisch“ und decke sich auch mit Untersuchungen des DIW, sagte Kemfert auf Anfrage. Insgesamt sei bis 2020 ein Investitionsvolumen von mindestens 3,5 bis maximal 6,4 Milliarden Euro erforderlich, um die Klimaziele zu erreichen. Im Vorwort der Studie, die dem Tagesspiegel vorliegt, spricht BDI-Präsident Jürgen Thumann von „ehrgeizigen Zielen“. Bis 2020 sollen die Treibhausgasemissionen gegenüber dem Niveau von 1990 um mindestens 30 Prozent gesenkt werden. Diese Vorgabe soll auf 40 Prozent angehoben werden, wenn die EU ihr Vermeidungsziel von derzeit 20 auf 30 Prozent erhöht.

Bislang lehnte die Industrie diese Vorgaben als unerreichbar oder viel zu teuer ab. Und Hubertus Schmoldt, Chef der Chemiegewerkschaft IG BCE, warnt vor „unrealistischen Zielen, die schaden, weil sie demotivieren“. Der Gewerkschafter sieht die „Energiepolitik zur Unterabteilung des Klimaschutzes verkümmern“. Schließlich gehe es darum, „Klimaschutzmaßnahmen auszuwählen, die am besten oder am wenigsten schädlich für die Arbeitsplätze sind“, sagte Schmoldt dem Tagesspiegel am Sonntag.

Mit Arbeitsplätzen argumentiert die BDI/McKinsey-Studie nicht explizit, es werden vielmehr nüchtern Fakten erläutert. Im Ergebnis könnten bis 2020 die CO2-Emissionen gegenüber 1990 „um 26 Prozent gesenkt werden, wenn alle bekannten Vermeidungshebel mit Vermeidungskosten von bis zu 20 Euro/Tonne CO2 umgesetzt werden“. Sogar „eine Senkung um 31 Prozent ist möglich, wenn zusätzlich die Umstellung des Energiemixes auf einen höheren Anteil erneuerbarer Energien erfolgt“. Allerdings würden sich in dem Fall die Vermeidungkosten je Tonne CO2 deutlich erhöhen. Aufgeteilt nach Sektoren kann das meiste CO2 in der Energiewirtschaft vermieden werden, und zwar durch den „weiteren Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien“. 2020 würden erneuerbare Energien, Steinkohle und Braunkohle je etwa ein Viertel, Gas ein Fünftel des Stroms in Deutschland liefen. Der Energiesektor insgesamt würde 21 Prozent weniger CO2 emittieren als heute.

Im Gebäudebereich kommt die Studie auf ein Einsparpotenzial von „gut 20 Prozent“, durch Dämmungsmaßnahmen, Austausch von Heizungsanlagen, effiziente Elektrogeräte und Beleuchtung. Für den Transportbereich wird eine Reduzierung der Treibhausgase bis 2020 um elf Prozent erwartet. Neben dem zunehmenden Einsatz von Biokraftstoffen „ist der wichtigste technische Hebel die weitere Optimierung vor allem der Benzin- und auch der Dieselmotoren“. Am Ende listet die Studie die deutschen Branchen auf, „die überproportional von der erwarteten Marktdynamik“ durch die Klimaschutzmaßnahmen profitieren: Von der Bauwirtschaft über die Elektrotechnik bis zum Maschinenbau und zur Land- und Forstwirtschaft könnten neun Wirtschaftszweige mit mehr Umsatz rechnen. Und mit mehr Arbeitsplätzen.

Mit diesen Einschätzungen liegt der BDI nicht mehr allzu weit von denen des Umweltministers entfernt. Sigmar Gabriel (SPD) bemüht sich seit Monaten, den Klimaschutz als Jobmotor und Chance für die deutsche Exportwirtschaft zu preisen – offenbar mit Erfolg. Gabriel geht von einem Marktvolumen von 1000 Milliarden Euro aus, das sich bis 2020 verdoppeln könnte.

Dass das Meseberger Klimapaket ausreicht, um die mittel- und langfristigen Klimaziele zu erreichen, ist aber fraglich. Gabriel argumentiert, dass durch die verschärften Bedingungen im Emissionshandel – Industrie und Energiewirtschaft müssen ihre CO2- Emissionen zwischen 2008 und 2012 um jährlich 37 Millionen Tonnen vermindern – und das Klimapaket eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um etwa 35 Prozent im Vergleich zu 1990 erreicht werden kann. Allerdings enthält das Klimapaket so viele Prüfaufträge und Ankündigungen für Selbstverpflichtungen und vor allem Konfliktstoff mit den Bundesländern, dass der wirkliche Klimaeffekt kaum bezifferbar ist . Im Verkehrsteil des Klimapakets gibt es nur einen Vorschlag: Die Kfz-Steuer soll künftig vom CO2-Ausstoß abhängig erhoben werden. Diese Reform harrt allerdings schon fast zehn Jahre auf Umsetzung, weil sich Bund und Länder seit Jahren nicht einigen können, wie Einnahmeverluste für die Länder vermieden werden können.

Beim Einsatz von Biomasse sowohl als Kraftstoff als auch bei der Stromerzeugung gibt es zwar inzwischen ein gewisses Maß an Problembewusstsein in der Regierung. Aber tatsächlich hat allein der Bonus für nachwachsende Rohstoffe im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) nach Angaben des Umweltverbands Nabu dazu geführt, dass die Anbaufläche für Energiemais von 70 000 Hektar 2005 auf 162 000 Hektar 2006 gewachsen ist – mit negativen Folgen für das Klima. Denn bei der Produktion von Mais werden große Mengen Kunstdünger und Pestizide eingesetzt, deren Produktion mehr Energie verbraucht und damit mehr CO2 emittiert, als bei der Stromerzeugung mit Energiemais in einer Biogasanlage eingespart werden kann. Die Klimabilanz von Biotreibstoffen ist ähnlich ernüchternd. Deshalb sollen nun im EEG Vorgaben für die Umweltverträglichkeit des Biomasseanbaus gemacht werden. Bei der Biotreibstofferzeugung steht diese Debatte noch am Anfang.

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