Klimaserie : Kraftwerk im Keller

Immer mehr Häuser in Berlin werden energetisch saniert. Manche produzieren Strom und Wärme sogar selbst.

Jahel Mielke

Von außen ist der denkmalgeschützte Lindenhof im Stadtteil Schöneberg eine ganz normale Arbeitersiedlung aus den 1920er Jahren. Hier stehen 163 Mehrfamilien- und 69 Einfamilienhäuser. Hinter der Fassade aber ist der Lindenhof eine der modernsten Siedlungen Berlins. Seit 2007 wurden mehr als 200 Wohnungen mit Wärmedämmung, neuen Fenstern und neuen Wasser- und Stromleitungen ausgestattet; 21 wurden nach den geltenden Energiestandards neu gebaut. Seit August versorgen sich die Bewohner von 79 Wohnungen selbst mit Wärme und Strom: In der Eythstraße 43 wurde dafür ein Blockheizkraftwerk (BHKW) aufgestellt.

Die Kraft-Wärme-Kopplung sorgt dafür, dass auch die Abwärme der erzeugten Energie genutzt wird. So gehen in der Strom- und Wärmeproduktion nur fünf Prozent der Energie verloren. Bei der getrennten Produktion von Strom etwa in einem Kohlekraftwerk ist der Verlust zehnmal so hoch. Durch das Kraftwerk, das von einem Erdgas-Heizkessel unterstützt wird, spart der Lindenhof rund 80 Tonnen CO2 pro Jahr. Die Gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft Berlin-Süd, der der Lindenhof gehört, hat für die bauliche und energetische Sanierung der 79 nun dezentral versorgten Wohnungen rund elf Millionen Euro bezahlt. Das Kraftwerk hat die Berliner Energieagentur (BEA) finanziert.

Die BEA wurde 1992 auf Initiative des Berliner Abgeordnetenhauses gegründet. Neben dem Land Berlin sind dort auch Vattenfall, die Gasag und die Staatsbank KfW beteiligt. Die Agentur hilft Eigentümern oder Firmen bei der energetischen Sanierung ihrer Gebäude.

Im Lindenhof betreibt die Energieagentur das Kraftwerk und verkauft Strom und Wärme an die Bewohner der Siedlung. Voll-Contracting nennt sich dieses Finanzierungsmodell. Die Preise sind nach Angaben der BEA rund zehn Prozent niedriger als etwa bei Vattenfall. Die Energieagentur bietet auch die Möglichkeit, zusätzlich zur eigenen Heizungsanlage ein Kraftwerk im Haus aufstellen zu lassen. Dadurch arbeitet die Heizungsanlage effizienter und die Bewohner können Strom- und Wärmekosten reduzieren. Die Agentur finanziert das Kraftwerk und verdient am produzierten Strom, der ins Netz eingespeist wird.

„In Berlin könnten über 9000 dezentrale Blockheizkraftwerke wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll zum Einsatz kommen. Insgesamt würden dadurch die CO2-Emissionen um über eine Million Tonnen jährlich sinken“, sagt der Geschäftsführer der BEA, Michael Geißler. „Das wäre rund ein Viertel der Summe, die das Land Berlin noch bis zum Jahr 2020 insgesamt einsparen will.“ Die Berliner Energieagentur betreibt 36 BHKW in der Hauptstadt.

Auch die zukünftigen Bewohner des Mehrfamilienhauses in der Puchanstraße 37–39 in Berlin-Köpenick wohnen demnächst in einem „Energiesparhaus“. Der klassische fünfstöckige Altbau steht seit Mitte 2008 leer. Die 29 Wohnungen werden dem neuesten Energiestandard angepasst und künftig von einem BHKW mit Wärme und Strom versorgt. 40 Prozent Primärenergie und CO2 sollen durch Sanierung und das Kraftwerk eingespart werden. Dafür hat die KSM Immobilien GbR knapp eine Million Euro ausgegeben. Die KfW hat mit zinsvergünstigten Krediten und Tilgungszuschüssen geholfen. Das Kraftwerk finanziert und betreibt auch hier die BEA.

Was die künftigen Mieter zahlen müssen, ist noch unklar. „Wir erwarten aus Erfahrungen mit anderen Sanierungsprojekten eine Betriebskosteneinsparung von 25 bis 40 Prozent“, sagt einer der Bauherren, Jürgen Kratz. Wann sich die Sanierung amortisiere, sei noch nicht abzusehen.

Europas größtes Niedrigenergiehaus steht in Berlin-Lichtenberg in der Schulze-Boysen-Straße 35–37. 296 Wohnungen hat das Doppelhochhaus, es ist je 18- und 21 Stockwerke hoch. Von März 2006 bis Januar 2007 dauerte die Sanierung: Die Fassaden des Plattenbaus wurden gedämmt, Drei-Scheiben-Verglasung und eine sparsame Zu- und Abluftanlage eingebaut. Auch hier kommt zusätzlich zur Fernwärmeheizung ein Blockheizkraftwerk zum Einsatz. Durch die Sanierung werden im Hochhaus jährlich 50 Prozent weniger Energie verbraucht. Pro Wohnung und Jahr fallen eine Tonne CO2 weniger an.

Gekostet hat die Energiesanierung insgesamt rund 2,3 Millionen Euro, gemeinsam finanziert wurde das Projekt von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Howoge und der KfW. Nach sieben Jahren sollen sich für die Howoge die Kosten amortisiert haben. Die Miete im sanierten Haus ist um etwa einen Euro pro Quadratmeter gestiegen, die Betriebskosten wurden um rund 50 Cent pro Quadratmeter gesenkt. Den Mietern scheint das neue energiesparende Wohnen zu gefallen: Trotz höherer Miete sind alle 296 Wohnungen belegt.

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