Wirtschaft : Klimawandel an der Börse

Der Aufschwung naht, die Gewinne steigen – aber die Angst vor höheren Zinsen ist größer

Henrik Mortsiefer

Berlin - An den internationalen Aktienmärkten dreht sich die Stimmung. Der Deutsche Aktienindex (Dax) gab am Freitag erneut um 0,2 Prozent auf 5007 Punkte nach. Im Vergleich zum am Dienstag erreichten Drei-Jahres-Hoch von 5128 Zählern fiel der Index damit um 2,4 Prozent zurück. Auch die Börsen in New York und Tokio notierten schwächer. Mit Spannung erwarten Anleger jetzt, welche Zwischenberichte börsennotierte Unternehmen in den kommenden Tagen vorlegen. Nächste Woche beginnt die Berichtssaison zum dritten Geschäftsquartal.

Ein zentraler Grund für den Klimawandel ist die – als Folge der Ölpreisexplosion – wachsende Sorge vor einer Inflation und steigenden Zinsen. Sowohl die amerikanische als auch die europäische Notenbank haben in den vergangenen Tagen höhere Zinsen in Aussicht gestellt. Würden die Zinsen tatsächlich steigen, würde sich die Kreditaufnahme der Unternehmen verteuern, ihre Kosten stiegen und Aktien wären im Vergleich zu Anleihen unattraktiver. Selbst ein zuletzt wieder sinkender Ölpreis konnte die Befürchtungen der Anleger nicht zerstreuen.

„Der amerikanische Aktienmarkt verfügt zurzeit kaum über Potenzial für eine stärkere Erholung“, schreibt die DZ Bank in einer aktuellen Wochenanalyse. Vielmehr wachse die Gefahr eines stärkeren Rückschlags, sollten die Renditen am Rentenmarkt weiter anziehen. „Wir rechnen mit einer Korrektur am US-Aktienmarkt.“ Da die Wall Street noch immer Leitbörse für den europäischen und insbesondere deutschen Markt ist, könnte somit auch der Druck auf die Aktienkurse deutscher Unternehmen wachsen. „Tatsächlich könnte die Furcht vor höheren Zinsen eine neue Phase an den Euro-Börsen einleiten“, befürchtet die Bankgesellschaft Berlin.

Da die Notenbanken die Inflation ernster nehmen als noch vor wenigen Wochen und die Geldpolitik deshalb verschärft wird, könnte dem Aktienmarkt bald ein wichtiger Antriebsmotor fehlen: zusätzliches Kapital. „Die Zeit üppig bemessener Liquiditätsversorgung scheint damit allmählich zu Ende zu gehen“, glauben die Experten von Helaba Trust. „Damit droht eine wesentliche Triebfeder für die Kurssteigerungen an den internationalen Aktienmärkten auszufallen.“ Mit Blick auf die anstehende Berichtssaison warnt Helaba Trust zudem vor zu optimistischen Erwartungen. Da mit durchaus positiven Nachrichten aus dem dritten Quartal zu rechnen sei, hätten viele Analysten ihre Prognosen bereits nach oben korrigiert. Den Unternehmen werde es deshalb schwer fallen, noch für Überraschungen zu sorgen. „Ähnliche Situationen leiteten in der Vergangenheit häufig stärkere Korrekturen am Aktienmarkt ein“, warnen die Banker. Ihr Rat für Anleger: Es empfehle sich derzeit nicht, „Aktienengagements auszudehnen“.

So skeptisch sind allerdings nicht alle Beobachter. So weist die Bankgesellschaft etwa darauf hin, dass die Anzeichen für eine robuste US-Wirtschaft und einen kommenden Aufschwung in Europa und Deutschland durchaus ermutigend seien. Die Börsen stünden deshalb in einem „Spannungsfeld wachsender geldpolitischer Risiken einerseits und positiver Ertragsimpulse andererseits“. Die DZ Bank schätzt, dass die guten Geschäfte des dritten Quartals die Gewinne der 30 Dax-Konzerne im Schnitt um 20 bis 25 Prozent nach oben getrieben haben. Für das Gesamtjahr wird von den meisten Banken ein Gewinnanstieg von mehr als 25 Prozent erwartet. Die DZ Bank sieht den Dax auf Sicht von zwölf Monaten bei 5100 Punkten.

Dass Gewinnwarnungen vor diesem Hintergrund bei den Anlegern derzeit gar nicht gut ankommen, zeigte sich am Freitag beim Finanzdienstleister AWD, der am Donnerstag seine Umsatz- und Gewinnziele für 2005 nach unten korrigieren musste. Die Aktie fiel zum Wochenschluss erneut kräftig um mehr als sechs Prozent. Schon am Donnerstag hatte AWD fast ein Fünftel seines Börsenwerts eingebüßt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben