Wirtschaft : Klimmt wehrt sich gegen die Kritik der Lufthansa

Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt (SPD) hat die Kritik der Deutschen Lufthansa zurückgewiesen, die Bundesregierung sei für zunehmende Verspätungen im deutschen Flugverkehr mitverantwortlich. "Die Vorwürfe der Lufthansa sind für uns nicht nachvollziehbar", sagte ein Sprecher Klimmts am Montag in Berlin. "Es ist allgemein bekannt, dass Verspätungen auf Kapaziätsprobleme, aber auch auf Wettereinflüsse zurückzuführen sind."

Lufthansa-Chef Jürgen Weber hatte Berlin wegen zunehmender Verspätungen im Luftverkehr am Wochenende mit einer Untätigkeitsklage gedroht. Ein Sprecher der Deutschen Flugsicherung (DFS) in Offenbach sagte AFP unterdessen, die Kapazitätsgrenzen auf den deutschen Flughäfen seien aus Sicht der Lotsen weitgehend erschöpft. Notwendig sei zudem eine bessere Koordinierung auf europäischer Ebene. Klimmt-Sprecher Rainer Knauber räumte ein, es gebe auf europäischer Ebene "möglicherweise eine nicht ausreichende Koordinierung der Flugsicherung". Die EU-Staaten seien deshalb auf Initiative Deutschlands dabei, Defizite zu prüfen. Bis zur Jahresmitte wird eine Brüsseler Arbeitsgruppe laut Knauber einen Bericht mit Empfehlungen zur Flugsicherheit vorlegen. "Ich kann zwar verstehen, dass die Lufthansa den Kundenärger abbekommt, die Kritik ist aber nicht sehr sachgerecht", sagte Knauber.

Flugsicherungs-Sprecher Axel Raab betonte, die zunehmenden Verspätungen seien "nicht nur ein Flugsicherungsproblem". Vor allem am größten deutschen Flughafen in Frankfurt (Main) seien die Kapazitäten erschöpft. "Wir versuchen mit allen möglichen Tricks, noch Kapazitäten herauszuholen. Wenn dort aber nicht ausgebaut wird, dann geht das nicht." Raab verwies darauf, dass die Zahl auf Drängen der Fluggesellschaften vor kurzem erst von 41 auf 43 Landungen pro Stunde erhöht wurde. "Wir haben davor gewarnt, dass dies das Fass zum überlaufen bringen könnte. Dort gibt es nun zunehmend Probleme. Die Umstellung bringt sehr viel mehr Warteschleifen." Die Lufthansa vermutet hingegen, dass "Motivationsprobleme" unter den Fluglotsen für einen Teil der Warteschleifen verantwortlich sein könnten. "Es kann doch nicht sein, dass manche Schichten es problemlos schaffen und andere nicht. Wir brauchen eine einheitliche Qualität", forderte der Lufthansa-Bereichsleiter Christoph Klingenberg

Defizite sieht Raab auch bei der Abstimmung der europäischen Flugsicherung. "Im europäischen Rahmen muss sich etwas tun. Wir müssen runterkommen vom nationalstaatlichen Denken", sagte Raab. Er forderte für die europäische Flugaufsicht Eurocontrol mehr Kompetenzen. Derzeit seien die Vorgaben der Behörde etwa im technischen Bereich nicht bindend. Die Luftüberwachung in einigen Staaten sei deshalb technisch nicht auf dem neuesten Stand.

Nach Angaben der EU-Kommission weist mittlerweile jeder dritte Flug in Europa Verspätungen auf, die zwischen 20 Minuten und mehreren Stunden betragen können. Rund ein Viertel der Verspätungen haben nach Erkenntnissen Brüssels die Fluggesellschaften und die Flughäfen zu verantworten, der überwiegende Teil sei aber schlicht auf die Überfüllung des Luftraumes zurückzuführen. Den wirtschaftlichen Schaden beziffert die Kommission auf mehr als fünf Milliarden Euro pro Jahr.

In Nachbarländern gibt es laut Raab zudem Probleme bei der Zusammenarbeit ziviler und militärischer Fluglotsen. "In Frankreich gibt es große militärische Gebiete, die praktisch tabu für zivilen Verkehr sind." Hier sei eine Umstellung nach dem Vorbild Deutschlands notwendig. "Seit 1993 arbeiten militärische Lotsen als beurlaubte Soldaten neben ihren zivilen Kollegen. Der militärische Luftraum ist dadurch für uns durchlässiger geworden, weil sich die Lotsen einfach per Zuruf verständigen können."

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