Wirtschaft : Klingeln auf chinesisch

Chinesen finden deutsche Handys langweilig. Siemens hat reagiert – mit weitreichenden Folgen

Matthew Karnitschnig

Li Tao, 33-jähriger Siemens-Ingenieur, kann seine Freude nicht verbergen, als er das silberne Mobiltelefon öffnet und die Leuchten im Gehäuse des Geräts zu blinken beginnen. „Es ist einzigartig“, sagt er und lacht dabei aufgeregt. Nicht nur die Technik ist bemerkenswert an dem Siemens-Handy, das auch „Leopard“ genannt wird – auch sein Ursprung. Nicht im Münchener Hauptquartier des Konzerns, sondern am Stadtrand von Peking entwickelten Li und andere chinesische Ingenieure das neue Gerät.

Für Siemens war die Verlagerung der technischen Entwicklung eines Produktes nach Fernost ein gewagtes Unterfangen. Schließlich hatte man mehr als 150 Jahre auf den Einfallsreichtum deutscher Ingenieure vertraut. Zugleich zeigt der Fall einmal mehr, was der deutschen Wirtschaft ins Haus stehen könnte: Der mögliche Verlust der technologischen Marktführerschaft, die seit langem die Stütze der weltweit drittgrößten Volkswirtschaft ist – und nicht zuletzt eine Quelle des kulturellen Selbstbewusstseins. Trotz der verstärkten Auslagerung von Arbeit in Billiglohnländer galt das deutsche Ingenieurwesen als einer der wenigen sicheren Häfen für die gut bezahlten Fachleute.

Jetzt müssen auch die Ingenieure um ihre Zukunft bangen. „Wenn die Chinesen Hochtechnologie zu günstigen Kosten herstellen können, muss man mögliche Folgen erwägen“, sagte Siemens-Chef Heinrich von Pierer, der in diesem Jahr eine Milliarde Euro in China investieren und 1000 chinesische Ingeneure einstellen will. „In Deutschland müssen wir uns fragen, was wir zu bieten haben.“

Vor allem die hohen Lohnkosten bedrohen die Vormachtstellung des deutschen Ingenieurwesens. Verglichen mit deutschen Fachleuten kosten Li und seine Kollegen das Unternehmen nur ein Fünftel. Mit durchschnittlich 32 Jahren sind sie zehn Jahre jünger und brauchen auch sonst keinen Vergleich zu fürchten. „Fachlich ist man inzwischen auf gleicher Ebene mit Deutschland, wo man bereits seit zehn Jahren Mobiltelefone baut“, sagt Wolfgang Klebsch, Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Siemens in Peking. Die Mängel des deutschen Bildungssystems tun ein Übriges, um den technologischen Abstieg des Landes zu beschleunigen.

Deutschlands Oberstufenschüler schnitten in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften nur am unteren Ende der jüngsten OECD-Studie unter 32 Ländern ab. Einst berühmt für ihre Nobelpreisträger, sind die Universitäten heute überfüllt und unterfinanziert. Seit 1995 schrumpfte die Zahl der Absolventen in den Ingenieurfächern um ein Drittel auf jährlich 36 000.

Die Lage ist so ernst, dass Kanzler Gerhard Schröder das laufende Jahr zum „Jahr der Erneuerung“ erklärt hat und zehn Hochschulen den Elite-Status verleihen will. Allerdings sind die Erfolge bislang dürftig. Angesichts explodierender Staatsschulden und geringen Wachstums musste die Regierung in diesem Jahr bereits Einschnitte bei der Förderung von Forschung und Entwicklung verkünden. China marschiert dagegen mit voller Kraft in die Gegenrichtung.

Mit umfassenden Reformen hat die chinesische Regierung in den letzten Jahren die Ausbildung in den Technikberufen gefördert. Das Ergebnis: Jährlich verlassen 300 000 Ingenieure die chinesischen Universitäten, fast zehnmal so viele wie in Deutschland. Siemens ist schon seit dem 19. Jahrhundert in China aktiv und hat im Jahr 1899 Pekings erste Straßenbahn gebaut. Im Dezember 2000 schickte man mit Wolfgang Klebsch einen erfahrenen Mobilfunk-Ingenieur nach Fernost, um erstmals eine Entwicklungsabteilung außerhalb Deutschlands aufzubauen. Innerhalb von sechs Monaten hatte Klebsch 50 Ingenieure eingestellt.

Die deutschen Handys fielen bei den Chinesen als langweilig durch. Vor allem hatte Siemens kein aufklappbares Gerät im Programm. Im Frühjahr 2003 machte Rudi Lamprecht, Chef der Siemens-Mobilfunk-Sparte, ernst: Die China-Abteilung wurde mit der Entwicklung eines Klapphandys beauftragt. Man wolle Geld sparen und sehen, ob die Ingenieure dazu fähig seien. Li Tao wurde an die Spitze des Entwicklungsteams gesetzt.

Pünktlich zur Feier des 100-jährigen Bestehens der Siemens-Niederlassung in Shanghai im letzten Mai präsentierten die chinesischen Entwickler das Ergebnis: Ein silbernes Klapphandy mit orangefarbenen Lichtern im Gehäuse, die bei Anrufen und Nachrichten in unterschiedlichem Rhythmus aufblinken.

In den vergangenen 20 Jahren hatte Siemens seine chinesische Außenstelle wie eine Kolonie betrieben und vor allem Deutsche beschäftigt. Auch heute hat die Betriebskantine noch deutsche Würstchen im Angebot, aber alles andere ist im Wandel. Klebsch und den 200 anderen Siemens-Managern in China wurde aufgegeben, die Stellen fortan mit Einheimischen zu besetzen. Inmitten des sensiblen deutschen Arbeitsmarktes weist Siemens alle Andeutungen zurück, wonach künftig Ingenieurs-Stellen von Deutschland nach China abwandern könnten. Aber Fakt ist: Der Konzern lässt neue Arbeitsplätze bei Forschung und Entwicklung vor allem im Ausland entstehen.

In China will Unternehmenschef von Pierer noch mehr Software-Entwickler anstellen und eine zentrale Forschungsabteilung einrichten. Klebschs Mobilfunk-Team wird bis Ende 2005 auf 1200 Ingenieure aufgestockt. Dann soll es fünf neue Handys auf einmal entwickeln.

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