Wirtschaft : Klingelnde Rechnung

Jamba verdient mit Handy-Melodien Millionen – doch der Druck von Politikern und Verbraucherschützern auf die Berliner wächst

Heike Jahberg

Berlin - Sie verdienen Millionen mit Klingeltönen oder Spielen fürs Handy. Noch bis vor kurzem wurden die Jamba-Gründer, die Brüder Samwer, als Vorzeigeunternehmer gefeiert, doch jetzt geraten die Berliner Firma und ihr Geschäftsmodell zunehmend unter Druck. In den USA ist seit April eine Sammelklage gegen Jamster anhängig, wie sich Jamba im Ausland nennt. In Großbritannien ermittelt die Kontrollstelle für die Telekommunikationsbranche (Icstis) gegen „mBlox“, einen Provider, der Klingeltöne von Jamster vertreibt. In Irland hat sich das Wirtschaftsministerium eingeschaltet, nachdem sich zahlreiche Kunden über den Klingeltonanbieter beschwert hatten. Und auch in Deutschland wird der Gegenwind schärfer. Am vergangenen Montag unterschrieb Jamba auf Betreiben des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV) eine Unterlassungserklärung und verpflichtete sich darin, deutlicher als bisher über den bindenden Charakter ihrer Verträge aufzuklären.

Die Vorwürfe gegen Jamba gleichen sich weltweit. „Die Kunden wollen einen Klingelton kaufen und bekommen ein Abonnement“, sagt Vilma Niclas, Referentin beim VZBV. Dass sie sich auf unbegrenzte Zeit binden, merken die meisten erst zu spät. In der TV-Werbung schaut man eher auf die Sexy-Girls, das Kleingedruckte unten auf dem Bildschirm liest kaum jemand. Doch damit nimmt das Unheil seinen Lauf. Statt einen einzelnen Klingelton zu kaufen, schließt man gleich ein Abo, Kosten: 4,99 Euro im Monat. Abgerechnet wird entweder über die Mobilfunkrechnung oder – bei Jugendlichen weit häufiger – das Geld wird von der Prepaid-Karte abgebucht. Wer nicht kündigt, zahlt auch dann, wenn er gar keine Klingeltöne abruft. Nicht selten erleben Jugendliche daher eine böse Überraschung, wenn sie eine neue Prepaid-Karte aufladen. Weil ausstehende Klingelton-Rechnungen abgebucht werden, ist die neue Karte auf einen Schlag leer.

Viele Kinder und Jugendliche geraten durch das Downloaden von Klingeltönen in finanzielle Schwierigkeiten, kritisiert das Bundesfamilienministerium. Bereits heute hätten zwölf Prozent der 13- bis 24-Jährigen Schulden von durchschnittlich 1800 Euro. „Die Klingeltonindustrie boomt vor allem deshalb, weil sie die geschäftliche Unerfahrenheit von Kindern und Jugendlichen ausnutzt“, sagte Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) dem Tagesspiegel am Sonntag.

Jetzt will die Regierung Abhilfe schaffen. Der Entwurf eines neuen Telekommunikationsgesetzes (TKG) enthält zahlreiche Vorschriften, mit denen der Verbraucherschutz gestärkt werden soll. So sollen Kunden eine „Hand-Shake“-SMS bekommen, in der Preis und Leistung deutlich benannt werden. Bei Abo-Verträgen soll ein jederzeitiges Kündigungsrecht eingeführt werden. Umstritten sind aber noch die Details. Während die Grünen für alle Bestellungen, die einen Euro übersteigen eine separate Preis-SMS wollen, neigen SPD und Union einer Drei-Euro-Grenze zu. Am 5.September wird sich der Vermittlungsausschuss mit dem TKG beschäftigen. Einigt man sich, könnte das Gesetz noch in dieser Legislaturperiode durchgepeitscht werden. Künast appelliert an die Unionsländer, mitzuziehen: „Bei der Abzocke, die im Bereich der Klingeltöne läuft, ist die Position der unionsgeführten Länder im Bundesrat skandalös.“

Das neue Gesetz brächte für Jamba – in Europa Marktführer für mobile Unterhaltung – kaum Veränderungen, meint dagegen Jamba-Sprecher Tilo Bonow. Bereits heute hätten die Kunden ein jederzeitiges Kündigungsrecht. Zudem verschicke das Unternehmen eine Bestätigungs-SMS, in der der Besteller über die Vertragsbedingungen informiert werde. Erst wenn der Nutzer die SMS bestätige, komme ein Vertrag zustande.

„Ich habe diese SMS von Jamba nicht verstanden“, sagt dagegen Vilma Niclas, „ob ich nach der SMS bereits einen Vertrag mit Jamba hatte oder nicht, war mir völlig unklar“ – und das, obwohl die Verbraucherschützerin Jura studiert hat. Mit kleinen Schritten versuchen die Verbraucherschützer, mehr Transparenz in das Geschäft zu bringen. Nach der Unterlassungserklärung hat Jamba seine Website geändert. Wenn man nun aufgefordert wird, seine Handynummer einzugeben, um ein Password zu bekommen, ist jetzt zumindest vom „Sparabo“ die Rede. Dass man den Song auch als Einzelton haben kann, entdeckt man aber nach wie vor nur mit Mühe. „Notfalls gehen wir erneut gegen Jamba vor“, kündigt Niclas an.

An die Millionen, die Jamba in der Zwischenzeit verdient, kommen die Verbraucherschützer aber nicht heran. Zwar erlaubt es das Wettbewerbsrecht, unrechtmäßig erzielte Gewinne herauszuverlangen – aber nur, wenn der Unternehmer vorsätzlich gehandelt hat. Das lässt sich aber nur schwer nachweisen. Jamba fühlt sich zu Unrecht angegriffen. „Die Nachfrage ist da“, sagt Sprecher Bonow, „der Markt ist gigantisch groß.“ Allein in Europa werden mit Klingeltönen jedes Jahr rund 200 Millionen Euro umgesetzt. Auch Jamba habe ein Interesse daran, dass der Markt vernünftig geregelt werde.

Wer einen Klingelton für sein Handy möchte, kann jetzt aber auch selber kreativ werden. Seit knapp zwei Wochen können Jugendliche unter www.netzcheckers.de Klingeltöne selber komponieren oder kostenlos herunterladen. Offensichtlich trifft das den Nerv der Kids: Der Server war in den ersten Tagen teilweise völlig überlastet.

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