Wirtschaft : Kluge Köpfe für Deutschland

Fachkräfte aus dem Ausland sind günstiger zu haben

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Berlin - Viele Firmen in Deutschland suchen händeringend Fachkräfte. Allein der Technologiekonzern Siemens hat derzeit 3400 offene Stellen und sucht vor allem Ingenieure, Informatiker und Naturwissenschaftler. Im Oktober 2011 waren bei der Bundesagentur für Arbeit unter anderen 14 200 freie Stellen für Ingenieure, 700 Stellen für Chemiker und Physiker, 9500 Stellen für IT-Fachleute und 2900 Stellen für Ärzte gemeldet. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, hat die schwarz-gelbe Koalition jetzt beschlossen, die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland – jenseits der EU-Grenzen – zu erleichtern. So soll die Einkommensuntergrenze von 66 000 auf 48 000 Euro sinken.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) nannte den Beschluss ein gutes Signal für die Firmen in Deutschland. „Angesichts des demografisch bedingten Fachkräftemangels brauchen wir einen leichteren Zugang für Hochqualifizierte aus aller Welt“, sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann. Mit der kräftigen Absenkung der Einkommensgrenze für solche Zuwanderer werde für die Betriebe ein „unbürokratisches Fenster“ geöffnet. Bernhard Schodrowski von der IHK Berlin sagte, dies sei eine sinnvolle und gute Maßnahme, den Fachkräftebedarf auch in der Hauptstadt zu sichern.

Der Beschluss sei ein wichtiges Zeichen, „dass Deutschland den Wettbewerb um die besten Köpfe in aller Welt angenommen hat“, sagte Dieter Kempf, Verbandspräsident des Bitkom, der die Firmen aus den Bereichen Informationstechnik, neue Medien und Telekommunikation vertritt. Doch das sei nicht genug: „Im nächsten Schritt müssen wir im Ausland aktiv für den Arbeitsstandort Deutschland werben“, forderte Kempf. Der Bitkom schlägt hierfür die Schaffung eines mehrsprachigen Zuwanderungsportals im Internet vor, das Informationen über die Möglichkeiten für Studium und Arbeit in Deutschland liefert. Zudem sollten weitere bürokratische Hürden im Zuwanderungsrecht gesenkt werden.

Eigentlich hatte der Bitkom sich eine Senkung der Einkommensgrenze auf 40 000 Euro gewünscht. Denn das ist in etwa die Summe, die ein Ingenieur oder ein Hochschulabsolvent in der IT-Branche als Einstiegsgehalt erwarten kann. Und es ist einfacher, junge Leute für einen Job im Ausland zu gewinnen als Experten, die sich bereits im Arbeitsleben etabliert haben.

Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom DIW Berlin bezweifelt jedoch, dass es den von den Firmen und Verbänden beklagten Fachkräftemangel tatsächlich gibt. „Wir haben das Problem gar nicht“, meint Brenke. Ein Indiz dafür sei, dass Ingenieure in Deutschland zuletzt sogar Reallohnverluste hätten hinnehmen müssen. Das wäre nicht der Fall, wenn es einen Mangel an Ingenieuren gäbe. Brenke beobachtet viel mehr, dass „die Unis derzeit so voll sind wie nie zuvor“. „Ich sehe eher das Problem, die Absolventen alle unterzubringen“, sagte er dem Tagesspiegel. So gebe es etwa 156 000 sozialversicherungspflichtige Ingenieure im Fach Maschinen- und Fahrzeugbau und zugleich 141 000 Studenten in diesem Fach. Brenke sieht in der nun erfüllten langjährigen Forderung der Unternehmen zur Senkung der Einkommensgrenze ein Mittel, günstiger an Arbeitskräfte zu kommen. Corinna Visser

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