Köln : Pfusch in der Grube

Beim Bau der Kölner U-Bahn haben nicht nur die beteiligten Baukonzerne versagt – auch die Bauaufsicht steht nun am Pranger.

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Gefährdet? In Kölner U-Bahn-Gruben sollen stabilisierende Sicherungsbügel fehlen. Foto: dpadpa

Berlin - „Wer da kontrolliert hat, der muss wohl eine Sonnenbrille aufgehabt haben“, sagt Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer Bau in Nordrhein-Westfalen. Fast täglich gibt es neue Berichte über Pfusch am Bau der Kölner U-Bahn. Der Staatsanwalt ermittelt. Die beteiligten Baukonzerne – allen voran Bilfinger Berger – geraten immer stärker unter Druck. Aber auch die Kontrolleure haben offensichtlich versagt. „Die Bauaufsicht in Deutschland hat einen gefährlichen Weg eingeschlagen“, sagt Bökamp. „Dort wurde immer mehr Personal und damit Kompetenz abgebaut.“ Und der Skandal weitet sich aus: Die Kölner Staatsanwaltschaft geht dem Verdacht nach, dass es auch bei der von Bilfinger Berger mitgebauten ICE-Trasse zwischen Nürnberg und München Baupfusch gegeben hat.

Beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs vor rund einem Jahr starben zwei Menschen, die Einsturzursache ist noch unklar. Fachleute vermuten, dass die Baufirmen in der benachbarten Stadtbahnbaustelle zu viel Grundwasser abgepumpt haben. Das hat den Baugrund in Bewegung versetzt. Zudem wurden womöglich an fünf der insgesamt acht Baustellen Vermessungsprotokolle manipuliert, daneben fehlt ein Großteil der Sicherungsbügel in den Schlitzwänden, die der Stabilität der Baustelle dienen. Diese Wände wurden zum Teil vor Jahren erstellt, normalerweise wird ihr Bau durch ein ausgeklügeltes System überwacht.

Federführend in der Arbeitsgemeinschaft Nord-Süd Stadtbahn Köln, Los Süd, ist der Mannheimer Baukonzern Bilfinger Berger. Daneben gehören Wayss & Freytag und Ed Züblin zu der Arbeitsgemeinschaft. Drei leitende Mitarbeiter hat Bilfinger inzwischen suspendiert. Konzern-Chef Herbert Bodner, selbst Bauingenieur, nennt den Umgang mit den Vermessungsprotokollen inakzeptabel und den fehlenden Einbau der Bügel unbegreiflich. Noch forscht das Unternehmen, wie es zu den Betrügereien kommen konnte.

Doch auch andere haben offenbar versagt: Die technische Bauaufsicht wurde 2002 von der zuständigen Bezirksregierung Düsseldorf an die Stadt übertragen und dann an die Kölner Verkehrs-Betriebe. Damit sei die Bauaufsicht dem Bauherren selbst überlassen worden, kritisiert Bökamp.

Wenn Bund oder Kommunen große Bauaufträge vergeben, gibt es in der Regel drei verschiedene Modelle. Das eine ist die Übergabe des gesamten Projekts an einen Generalunternehmer. Der beauftragt für verschiedene Arbeiten Subunternehmer, die sich wiederum anderer Firmen bedienen können. Dabei entsteht eine klar hierarchisch aufgebaute Leistungskette. Für den Auftraggeber hat dies den Vorteil, dass er nur einen Ansprechpartner hat. Das Risiko liegt aber darin, dass die lange Kette der Sub-Sub-Unternehmer schwierig zu kontrollieren ist. Das andere Modell – vor allem bei technisch aufwendigen Projekten wie einem U-Bahn-Bau – ist das der Arbeitsgemeinschaft. Dabei schließen sich verschiedene Baufirmen auf einer Ebene zusammen, um das Projekt gemeinsam fertigzustellen. Das Konsortium haftet gegenüber dem Auftraggeber als Gesamtschuldner. Die dritte Möglichkeit ist, dass der Bauherr selbst die Projektplanung und Leitung behält und nur einzelne Aufträge (Lose) vergibt, wie zum Beispiel beim Bau des Flughafens Berlin Brandenburg International. Diese Variante ist preisgünstiger, weil keine Projektsteuerungszuschläge bezahlt werden müssen, erfordert aber mehr Personal.

Der Zentralverband des deutschen Baugewerbes (ZDB) beobachtet, dass immer mehr öffentliche Auftraggeber froh sind, Bauprojekte komplett abgeben zu können. „Das ist der häufig anzutreffenden deutlichen Personalunterdeckung in den Bauverwaltungen geschuldet“, sagt Philipp Mesenburg aus der Rechtsabteilung des ZDB. Auch Jens Karstedt, Präsident der Baukammer Berlin und der Bundesingenieurkammer, beobachtet, dass aus Kostengründen das Prinzip der Fremdüberwachung immer mehr ausgedünnt wird. In den Baubehörden säßen immer mehr Juristen und Kaufleute und immer weniger Ingenieure. Schuld sei der Kostendruck. Um die Bauaufsicht zu verbessern, seien keine neuen Gesetze oder Verordnungen nötig. „Es gibt die Institutionen mit dem nötigen Sachverstand, man muss sie nur einsetzen“, sagt Karstedt.

Der Leiter der technischen Aufsichtsbehörde in Berlin, die alle Bauarbeiten der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) überwacht, wehrt sich dagegen, dass in seiner Behörde zu wenig Sachverstand gebe. Er habe ausreichend gut qualifiziertes Personal . „Alles Techniker“, sagt Oktay Yurdakul. Auch der Sprecher der BVG ist sicher, dass in Berlin ein anderes System der Bauüberwachung herrscht als in Köln. So gebe es neben der Bauleitung und der technischen Bauaufsicht noch einen externen Bauoberleiter, der Planung und Bau überwache. Das nächste Berliner U-Bahn-Projekt ist die Verlängerung der U5 vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor. Noch sind die Bauaufträge nicht vergeben. Ob Bilfinger Berger einen Zuschlag bekommen könnte, wollte der Sprecher nicht sagen. Aber er versicherte: „Kölner Verhältnisse gibt es hier nicht.“ Corinna Visser

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