Wirtschaft : Kohl fordert neuen Glanz für alte Tugenden

Bundeskanzler will Gründer und Eliten / Schrempp: Deutschland steht gar nicht so schlecht da / debis-Kongreß BERLIN (alf).Bundeskanzler Helmut Kohl zufolge ist es "höchste Zeit, daß wir die Veränderungen in der Welt begreifen".Vor dem Hintergrund der Umbrüche seit 1989 sei ihm "völlig unverständlich, daß wir die Schwierigkeiten überbewerten", sagte Kohl am Donnerstag auf dem Dienstleistungskongreß der Daimler-Benz-Tochter debis im Berliner Abgeordnetenhaus.Im Welthandel gebe es enorme Zuwächse, und "wir sind noch die Exportnation Nummer zwei".Eine Umorientierung sei jedoch erforderlich, denn Dienstleistungen seien "der Schlüssel für Wachstum und Beschäftigung im 21.Jahrhundert".Zwar könne man die USA nicht ohne weiteres mit der Bundesrepublik vergleichen, "aber der Rückstand bei den Dienstleistungen ist enorm", konstatierte Kohl.Eine "Dienstleistungskultur" werde nur dann entstehen, "wenn die alten Tugenden wieder ihren alten Glanz gewinnen"; Kohl nannte Fleiß, Höflichkeit, Mitmenschlichkeit und Pioniergeist.Er bedauerte, daß "zu viele Jugendliche in den öffentlichen Dienst streben".Mit Existenzgründerlehrstühlen an den Unis und einer Überprüfung des deutschen Insolvenzrechts will der Bundeskanzler mehr Menschen zur Selbständigkeit ermuntern. Dem Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Benz AG, Jürgen Schrempp, zufolge "erleben wir die zweite industrielle Revolution, die Dienstleistungsrevolution".Der Dienstleistungsstandort Deutschland sei "gar nicht so schlecht".Aber in der EU liege Deutschland gegenwärtig bei der Zahl der Selbständigen an zweitletzter Stelle; wenn "wir allein in Westdeutschland die durchschnittliche Selbständigen-Quote der OECD-Länder erreichen wollen, dann brauchen wir 800 000 neue Unternehmen", sagt Schrempp. Kohl meinte, die Bundesregierung habe mit der Privatisierung von Bahn, Post, Telekom und Lufthansa "eine Menge auf den Weg gebracht"."Die Hauptprobleme" im Lande seien "nicht materieller Art".Vielmehr gehe es darum, "ob wir zum Undenken bereit sind".Er habe Zweifel, daß der in Schulen und Hochschulen vermittelte "Wissensstand ausreicht".Unter dem Beifall der rund 700 Kongreßteilnehmer bekannte sich Kohl zu "Leistungseliten; Mittelmaß ist nicht das Ziel".Wer in der Vergangenheit gegen Eliten gewesen sei, "hat uns ein Stück Zukunft gestohlen.Das müssen wir ändern." Gegenwärtig, so hat der Bundeskanzler beobachtet, wären "zu viele Hauptschulabgänger nicht ausbildungsfähig".Ferner kämen vor allem Akademiker zu spät in den Beruf. Daimler-Chef Schrempp meinte, die Mentalität müsse sich "natürlich ändern, Dienen sollte positiv besetzt werden".Indes werde ein großer Teil der in Deutschland erbrachten Dienstleistungen in der Industrie erbraucht und tauche deshalb nicht in der Statistik auf.Das hänge damit zusammen, daß hier anders als in den USA viele Dienste aus den Industrieunternehmen noch nicht ausgelagert seien.Etwa 75 bis 90 Prozent der in der Industrie erbrachten Wertschöpfung seien unternehmensorientierte Dienstleistungen."Es gelingt uns, die leistungsfähige Industrie mit Dienstleistungen zu verknüpfen." Schrempp forderte die fristgerechte Einführung des Euro, eine EU-weite Koordinierung der Wirtschaftspolitiken sowie eine "Verschlankung der Verwaltung".Für Existenzgründer mahnte der Konzernchef "bessere steuerliche Rahmenbedingungen, Risikokapital und Beratung" an."Weil wir an Deutschland glauben", so Schrempp, "weihen wir morgen die debis-Zentrale am Potsdamer Platz ein." Microsoft-Chef Bill Gates, per Videoübertragung auf dem Kongreß präsent, betonte die enormen technischen Fortschritte in der Datenverarbeitung.Künftig, lasse sich "der Erfolg eines Unternehmens daran messen, wie es mit dem am Internet angeschlossenen PC umgeht".Investitionen in die Bildung seien "extrem wichtig; und Deutschland ist ganz sicher in einer starken Ausgangsposition aufgrund der traditionell hervorragenden Leistungen im Bildungswesen", so Gates laut Redemanuskript. Der DGB-Vorsitzende Dieter Schulte skizzierte die Chancen und Risiken "im Wandel der Arbeitswelt".In klassischen Dienstleistungsbereichen wie Banken und Versicherungen fielen Arbeitsplätze weg, ferner würden "klassische Normalarbeitsverhältnisse gerade bei Dienstleistungen durch sozial ungesicherte Beschäftigungsverhältnisse abgelöst: Scheinselbständigkeit, Leiharbeit, Dienstleistungen auf Werkvertragsbasis".Andererseits böten Dienstleistungen ein weites Feld zur Entwicklung neuer Arbeitsformen.Alles in allem sei die Dienstleistungsgesellschaft eine Weiterentwicklung der Industriegesellschaft, der sich die Gewerkschaften "mit neuen Formen der Kooperation und Organisation" stellen wollten.

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