Wirtschaft : Kohle statt Auto

In den 60er Jahren setzte Gelsenkirchen nur auf Bergbau – ein Beispiel für den verzögerten Strukturwandel

Daniel Schmelzer

Berlin - In Nordrhein-Westfalen geht es wirtschaftlich aufwärts – in der Stahlindustrie. Sie beherrscht gemeinsam mit der Kohle inzwischen wieder die Schlagzeilen. 3,5 Prozent mehr Lohn und eine Einmalzahlung in Höhe von 500 Euro erhalten die Arbeitnehmer der Metallindustrie nach dem kürzlich erreichten Tarifabschluss. Ausschlaggebend für den Zuschlag ist die positive Entwicklung der Branche, die vor allem von der großen Nachfrage der Chinesen profitiert.

Duisburg ist weltweit der größte Stahlstandort. Hier wird mehr Stahl produziert als in ganz Großbritannien. „Die Rohstahlproduktion in NRW hat im Jahr 2004 mit 46,4 Millionen Tonnen den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung erreicht“, sagt eine Sprecherin der Wirtschaftsvereinigung Stahl in Düsseldorf. Die Entwicklung greift auch das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) auf. Neben der Chemie und dem Maschinenbau nennt das Institut den Stahlbereich als Schlüsselbranche für das in diesem Jahr erwartete NRW-Wachstum von 1,1 Prozent.

Eine weitere treibende Kraft an Rhein und Ruhr sind die Dienstleistungen. In den vergangenen Jahrzehnten haben vor allem industrienahe Dienstleister wie Call-Center, Speditionen, Unternehmensberater, Wartungsbetriebe oder Druckereien an Bedeutung gewonnen. Zusammen mit klassischen Dienstleistungsbereichen Handel, Banken, Gesundheit und Gastronomie sind hier seit 1975 rund 4,5 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden. Damit wuchs der Anteil der Dienstleistungen an der Wirtschaftsleistung des Landes auf heute 71,9 Prozent.

Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 480 Milliarden Euro hat NRW im vergangenen Jahr mehr erwirtschaftet als die Bestandteile der russischen Förderation zusammen. Doch das nordrhein-westfälische Wachstum liegt schon lange unter dem Bundesdurchschnitt, im vergangenen Jahr um 0,2 Prozent. Schuld daran seien Altlasten aus dem „Kohlenpott“, meint RWI-Präsident Christoph Schmidt. „Das Pro-Kopf-Wachstum des Landes ist ohne die Ruhrregion durchaus mit dem anderer Länder vergleichbar“, sagt Schmidt. Im strukturschwachen Ruhrgebiet lag es von 1991 bis 2002 durchschnittlich bei 0,2 Prozent, während ganz NRW einen Wert von 0,5 Prozent aufweisen kann.

Die Fördertürme der mehr als hundert Steinkohlezechen waren über Jahrzehnte die Garanten für eine starke Wirtschaft und Arbeitsplätze. Von diesen alten Strukturen hätte sich das Land konsequenter trennen müssen, meint Schmidt. Dass eine erfolgreiche Umstrukturierung Jahrzehnte dauern könne, sehe man in anderen Ländern. Deshalb wäre es für die Region besser gewesen, schnell einen klaren Schnitt zu machen. In Gelsenkirchen beispielsweise haben die Stadtväter noch Anfang der sechziger Jahre die Pläne des Autobauers Opel abgeschmettert, ein neues Werk zu errichten. Die Arbeitsplätze sollten für den Bergbau gesichert werden. Heute kämpft die Schalke-Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote in ganz NRW (25,5 Prozent).

Während die FDP kürzlich eine „Sonderwirtschaftszone“ Ruhrgebiet ins Gespräch gebracht hat, hält die Landesregierung unbeirrt an der Subventionierung der Steinkohle fest. 41,8 Milliarden Euro hat das Land in den vergangenen sieben Jahren an Subventionen ausgeschüttet, ohne die die Steinkohleförderung nicht konkurrenzfähig wäre. Für 2005 sind weitere 3,8 Milliarden veranschlagt. Bis 2012 werden die Beträge schrittweise reduziert.

Vor diesem Hintergrund sorgten die Pläne der RAG-Tochter Deutsche Steinkohle AG Ende April für Schlagzeilen. Der Konzern hat bei der Bezirksregierung in Arnsberg den Bau einer neuen Zeche beantragt. Ein Investor für das 800 Millionen Euro teure Projekt in Hamm bei Dortmund sei noch nicht gefunden, sagt Konzernsprecher Udo Kath. Momentan wolle man sich bei weltweit steigenden Rohstoffpreisen die Option sichern, wieder Kokskohle fördern zu können. Das Genehmigungsverfahren sei jedoch frühestens in fünf Jahren abgeschlossen, der Betrieb könnte dann 2013 aufgenommen werden. Schätzungsweise 3000 Kumpel könnten dann in Hamm einen neuen Arbeitsplatz bekommen.

Am Abwärtstrend wird das nichts ändern. Seit Jahrzehnten sinkt die Beschäftigtenzahl. In Saarland und NRW arbeiten noch 39000 Bergleute. Insgesamt ist die Zahl der Arbeiter in der Kohle- und der Stahlindustrie in den vergangenen 30 Jahren von 426000 auf 139000 gesunken. „Auf diese Entwicklung hat man nicht rechtzeitig reagiert", sagt RWI- Chef Schmidt. Die Industriearbeitsplätze seien nicht überraschend weggefallen, dennoch haben es Landesregierung und Wirtschaft versäumt, durch Ansiedlung neuer Unternehmen ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. Die Folge sei die desolate Arbeitsmarktlage in NRW mit einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von 10,2 Prozent im vergangenen Jahr.

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