Wirtschaft : Kohlendioxid-Handel macht Strom teuer

Preis für Zertifikate klettert auf Rekordhoch – Experten sprechen von reinen Spekulationsgeschäften

Anselm Waldermann

Berlin - Der europaweite Emissionshandel treibt die Strompreise in die Höhe. Kostete das Recht, eine Tonne Kohlendioxid (CO2) zu emittieren, im Januar noch rund sieben Euro, kletterte der Preis inzwischen bis knapp an die 30-Euro- Marke. Am Freitag ermittelte die Leipziger Energiebörse EEX in ihrem European Carbon Index einen Preis von 29,08 Euro. Die Energiekonzerne klagen bereits über steigende Produktionskosten – und die wirken sich auf den Strompreis aus. Allerdings werden auch Stimmen laut, die hinter den Kurssprüngen bewusste Spekulationsgeschäfte vermuten.

Mit dem Emissionshandel hofft die Europäische Union, den Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid zu reduzieren. Für jede Tonne CO2, die ein Unternehmen ausstoßen möchte, braucht es ein entsprechendes Zertifikat. Unternehmen, die viel emittieren – zum Beispiel Kraftwerksbetreiber –, müssen entsprechend viele Zertifikate kaufen. Wer weniger CO2 ausstößt, kann seine überschüssigen Zertifikate verkaufen. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis – und der steigt.

„In diesem Maß kam die Kursentwicklung für uns überraschend“, sagte Gabriele Rahn von der Handelsabteilung des Berliner Energiekonzerns Vattenfall Europe dem Tagesspiegel. Nun treibe der hohe Zertifikatspreis die Kosten in den Kraftwerken in die Höhe. Vattenfall Europe gewinnt rund 60 Prozent seines Stroms aus Braunkohle. Weil dabei doppelt so viel CO2 anfällt wie bei der Verstromung von Gas, braucht der Konzern besonders viele Zertifikate.

Und das wirkt sich auf die Strompreise aus: In den vergangenen Monaten stiegen sie parallel zum CO2-Preis. Kostete eine Megawattstunde (MWh) an der EEX im Januar noch 25 Euro, sind es heute 55 Euro. Zusätzliche Investitionen in CO2-sparende Technologien planen die Kraftwerksbetreiber Rahn zufolge dennoch nicht. „Dazu müsste der Zertifikatspreis längere Zeit auf hohem Niveau bleiben.“

Experten warnen allerdings, dass sich hinter den Kurssprüngen eine regelrechte Börsenblase verbergen könnte. „Realwirtschaftlich ist nicht viel dahinter“, sagte Stefan Kleeberg vom Beratungsunternehmen Climate Change Consulting dem Tagesspiegel. Wurde anfangs noch der kalte Winter und später dann der steigende Gaspreis für die CO2-Verteuerung verantwortlich gemacht, fehle es derzeit an schlüssigen Erklärungen. „Außer Gerüchten und Spekulationen gibt es nichts, was den Anstieg der letzten Wochen rechtfertigen würde“, sagte Kleeberg.

Das sieht auch der wettbewerbspolitische Sprecher der CDU, Hartmut Schauerte, so: „Ich halte es für möglich, dass die Preise für Emissionszertifikate künstlich in die Höhe getrieben werden.“ Auch die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, stimmt dem zu. „Ich vermute, dass einige große Versorger Zertifikate bunkern, um den Preis hochzutreiben und so den Anstieg der Strompreise zu rechtfertigen.“ Erleichtert wird diese Vorgehensweise durch eine ungleiche Verteilung der Marktmacht: So befinden sich 88 Prozent aller Zertifikate im Besitz von nur 10 Prozent der am Handel beteiligten Unternehmen.

Die CO2-Händler selbst sehen das hingegen anders. „Wir haben einen echten Marktpreis, und der ist immer fair“, sagte der Händler eines großen Energiekonzerns dem Tagesspiegel. Er macht vor allem die Trockenheit in Südeuropa für den steigenden Wert der Zertifikate verantwortlich: Weil französischen Kernkraftwerken das nötige Kühlwasser fehle, müssten verstärkt konventionelle Kohlekraftwerke ans Netz gehen. Dadurch steige die Nachfrage nach entsprechenden CO2-Zertifikaten und damit der Preis. Auch in nächster Zeit werde sich an diesem Mechanismus nicht viel ändern. „Wir werden keinen dramatischen Preisverfall sehen“, sagte der Händler.

Das gestiegene Interesse der Investoren spiegelt sich auch in den Handelsvolumina wider. Wechselten im Januar pro Tag nur 100000 bis 200000 Zertifikate ihren Besitzer, sind es mittlerweile durchschnittlich 1,5 Millionen. Insgesamt gibt es für das Jahr 2005 allein in Deutschland 495 Millionen Zertifikate. Beim aktuellen Preis hat der Markt damit ein Volumen von 14,8 Milliarden Euro erreicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben