Wirtschaft : Kohleregion erfordert besondere Maßnahmen

MARTIN-W.BUCHENAU (HB)

LAUCHHAMMER.Das Kraftwerk strahlt im Sonnenlicht eines frühlingshaften Tages in der Lausitz.Der 208 Meter hohe Schornstein aus Stahlbeton überragt den gewaltigen Gebäudekomplex.Das schöne Wetter und der Name "Industriekraftwerk Lauchhammer" aber trügen.Von Industrie ist in der Region mit über 20 Prozent Arbeitslosigkeit nichts zu sehen und das Kraftwerk ging nie ans Netz.Nur einmal rauchte der Schornstein kurz, als Beschäftigte der Sanierungsgesellschaften nach ihrem letzten Arbeitstag aus Frust über das Auslaufen ihrer vom Staat geförderten Beschäftigung alte Autoreifen verbrannten.

Jetzt frißt sich der Schneidbrenner durch den Schrott.Hermann Henry zerlegt Stahlträger aus dem Kraftwerk.Der 37jährige Maschinenanlagenmonteur war zwei Jahre arbeitslos und freut sich, endlich wieder einen Job zu haben.Die rund 2000 DM netto bedeuten für ihn zwar nur knapp 30 Prozent mehr als das Geld vom Arbeitsamt, aber "es ist besser so, schon wegen zu Hause".

Bis zum 31.Dezember läuft Henrys befristeter Vertrag.Aber er kann sich Hoffnung auf Weiterbeschäftigung machen.Noch kann er gut eineinhalb Jahre auf einem geförderten Arbeitsplatz weiterarbeiten, bis die maximale Förderzeit von drei Jahren für Strukturanpassungsmaßnahmen endet.Für seinen Kollegen, der gerade den Bewährungsstahl am Fuß des Schornsteins durchtrennt und für die Sprengung vorbereitet, ist dagegen in vier Monaten Schluß: "Dann geht es wieder aufs Arbeitsamt".

Beide Männer sind bei der Sanierungsgesellschaft Lauchhammer mbH (SAL) beschäftigt.Mit 90 Mann zerlegt das Tochterunternehmen der Spezialtechnik Dresden GmbH das Kraftwerk in seine Einzelteile.Auftraggeber ist die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), deren Aufgabe die Koordination der Sanierung des gesamten nicht privatisierten ostdeutschen Braunkohlebergbaus ist.Die Ausschreibungen der LMBV sehen vor, daß die Unternehmen zu 85 Prozent Beschäftigte auf einem staatlich geförderten Arbeitsplatz einsetzen.Neben der Rekultivierung der Tagebauflächen ist die soziale Abfederung des Strukturwandels in der Region eines der Hauptziele der LMBV.1989 arbeiteten noch 140 000 Menschen an über 30 Tagebaustätten in der ostdeutschen Braunkohlewirtschaft.Aktiver Tagebau wird heute nur noch in der Hand voll Gruben von der Laubag und der Mibrag betrieben.Die Laubag, größter Arbeitgeber der Region, will dieses Jahr 1000 von 7700 Stellen streichen.

Jeder wegfallende Job belastet die von der Monostruktur geprägte Kohleregion besonders.Im Januar betrug die Arbeitslosigkeit in Cottbus 21,3 Prozent.In Senftenberg lag sie sogar bei 24,5 und in Spremberg bei 22,6 Prozent."Ohne die Beschäftigung auf dem zweiten Arbeitsmarkt würde die Arbeitslosigkeit um weitere vier Prozent ansteigen", weiß der Personalgeschäftsführer der LMBV Heinz Junge.Die LMBV selbst beschäftigt derzeit noch 3000 Menschen.Davon werden in diesem Jahr mit der Schließung des Resttagebaus rund 700 ausscheiden.Die LMBV hat bereits die Mehrzahl ihrer Aufgaben erfüllt.An den 235 zu sanierenden Tagebaurestlöchern wurden bereits mehr als die Hälfte der über 800 Kilometer Böschungen stabilisiert.Die Bagger bewegten 1,233 Mrd.Kubikmeter Erde.

Bis Ende 1997 haben Bund und Länder insgesamt 7,5 Mrd.DM für die Sanierungsaufgaben des ostdeutschen Braunkohlebergbaus bereitgestellt.Bis zum Abschluß der wesentlichen Erd- und Abrißarbeiten Ende 2002 sind noch einmal jährlich 1,2 Mrd.DM vorgesehen."Danach brauchen wir noch rund zwei Mrd.DM", sagt Junge.Schwerpunkt der Arbeiten ist dann die Flutung der Restlöcher.Dadurch werden bis 2030 rund 140 Gewässer mit einer Fläche von insgesamt 25 000 Hektar neu entstehen.

Die Sanierungsgesellschaften müssen sich nach neuen Betätigungsfeldern umschauen.Dauerhafte Industriearbeitsplätze sind in der Region nicht in Sicht.Auf dem Gelände des Kraftwerks Lauchhammer sucht die Sanierungsgesellschaft Partner, um das altlastenfreie Industriegebiet zu entwickeln.Zudem beteiligt sich das Unternehmen an Ausschreibungen für Sanierungsarbeiten an Chemiestandorten.Von den 650 Beschäftigten sind 220 fest angestellt.20 Leute von der Abrißkolonne in Lauchhammer sind zur Fortbildung.Sie qualifizieren sich für Baumaschinen oder besuchen Computerkurse.Die Aussichten auf einen Dauerjob sind gering.

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