Wirtschaft : Kollege Ricke kommt

Fleißig, offen, kollegial: Der Mobilfunkchef und Sommer-Vertraute soll neuer Telekom-Chef werden

Corinna Visser

Berlin. Er war nach Ron Sommer der wichtigste Mann im Telekom-Konzern. Und er gehörte nicht zu denen, die in Vorstand und Aufsichtsrat den Rücktritt des ehemaligen Telekom-Chefs betrieben haben. Im Gegenteil: Kai-Uwe Ricke hat immer loyal hinter Sommer gestanden. Jetzt wird Ricke voraussichtlich der neue Chef der Deutschen Telekom. Am Donnerstag soll er vom Aufsichtsrat berufen werden. Besonders die Arbeitnehmerseite in dem Gremium gilt als Befürworter Rickes. Sie muss befürchten, dass ein Manager von außen noch viel härter durchgreift, als es ohnehin nötig sein wird. Ricke soll ihnen dagegen zugesagt haben, dass er nicht mehr als die angekündigten 50000 Stellen streichen will.

Der Chef, der die Telekom komplett umbauen wird, ist Ricke sicher nicht. Auch wenn er immer als sehr fleißig beschrieben wird, er ist nicht der Typ, der kalten Herzens unpopuläre Entscheidungen trifft. Der 1,90- Mann mit dem müden Blick ist eher auf Harmonie bedacht. Unkompliziert, offen und sympathisch tritt Ricke auf und er pflegt einen kollegialen Führungsstil. Das macht ihn bei seinen Mitarbeitern beliebt. Keine Spur von dieser Aura der Unnahbarkeit, die Sommer umgab. Auch wenn viele Rickes ausgleichendes Temperamt loben, es hindert ihn nicht daran, als knallharter Verhandlungspartner aufzutreten und sich durchzusetzen, wenn es sein muss.

Sommer und Ricke haben Hand in Hand gearbeitet, beide gelten als Marketinggenies. Doch Ricke tritt deutlich bescheidener auf als sein Vorgänger. Mit ihm vollzieht sich bei der Telekom ein Generationenwechsel. Auch wenn ihn die tief in den Höhlen liegenden Augen mit den dunklen Rändern meist älter erscheinen lassen, Ricke ist erst 41.

Aber in der Branche kennt er sich aus. Seine berufliche Laufbahn begann er nach der Banklehre und dem Studium an der European Business School in Schloss Reichartshausen als Vorstandsassistent beim Medienkonzern Bertelsmann. Den ersten Manager-Posten übernimmt er als Vertriebs- und Marketingleiter der Bertelsmann-Tochter Scandinavian Music Club in Malmö. 1990 steigt er ins Mobilfunkgeschäft ein – und machte der Telekom von 1990 bis 1997 als Geschäftsführer des Mobilfunkanbieters Talkline – erfolgreich – Konkurrenz. „Das Monopol geht, Talkline kommt“, warb er damals. Dann holte Sommer ihn zur Telekom. Mit 36 Jahren übernahm Ricke die Geschäftsführung der damaligen T-Mobil.

Im Februar 2000 wurde Ricke dann zum Vorstandschef der neu gegründeten T-Mobile International AG bestellt. Von da an kümmerte er sich um die Auslandsaktivitäten der Telekom-Mobilfunksparte. Als Sommer ihn im Mai 2001 in den Konzernvorstand holte, stieg Ricke damit faktisch zum zweitwichtigsten Mann im Unternehmen auf. Denn seither verantwortet er im Vorstand die beiden Wachstumsträger Mobilfunk und das Online-Geschäft, also die Zukunft.

Auch Ricke senior war Telekom-Chef

Dass er etwas vom Geschäft versteht, bezweifelt niemand, auch nicht am Kapitalmarkt. Aber den von vielen erhofften Strategiewechsel bei der Telekom darf man unter seiner Führung wohl nicht erwarten. Ricke hat Sommers Strategie mitgetragen. Er war es zum Beispiel, der den umstrittenen Kauf der US-Mobilfunkgesellschaft Voicestream maßgeblich betrieben hat. Mit dem kostspieligen Eintritt in den amerikanischen Markt stieg der Schuldenberg der Telekom dramatisch an – einer der Gründe für den Absturz der T-Aktie und für die Ablösung von Ron Sommer. Und Ricke glaubt an Voicestream. Als Telekom-Interimschef Helmut Sihler zum ersten Mal Quartalszahlen der Telekom vorlegte und zum wiederholten Mal betonte, dass alles auf dem Prüfstand stehe, auch das Telekom-Engagement in den USA, da knurrte Ricke unhörbar, aber unübersehbar: „Das werden wir ja noch sehen.“

Mit Kai-Uwe Ricke würde der zweite Mann aus der Familie Chef der Telekom werden. Sein Vater Helmut war es bereits vor ihm – von 1990 bis 1994. Damals hieß das Unternehmen noch Deutsche Post Telekom. Damals galt es, den Staatsbetrieb zu einem privatwirtschaftlichen Unternehmen umzubauen. Ganz bis zum Ende wollte Ricke senior diesen Weg jedoch nicht gehen. Er holte dafür Ron Sommer als seinen Nachfolger zur Telekom. Hätte der seinerseits seinen Nachfolger bestimmen können, so wäre es sicher Ricke junior gewesen.

Der ist längst selbst Familienvater und hat zwei Söhne. Viel Zeit bleibt ihm für die Familie allerdings nicht. Als Mitglied des Telekom-Vorstands und als Verantwortlicher für das internationale Mobilfunkgeschäft war er auch schon bisher viel unterwegs. Als Chef der Deutschen Telekom wird er noch weniger Gelegenheit haben, mit seinen Söhnen zum Segeln zu gehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben