Wirtschaft : Kombilohn, Kapitalbeteiligung, negative Einkommensteuer

URSULA WEIDENFELD

Welche Rolle muß der Staat auf dem Arbeitsmarkt spielen? Hilft ausbezahltes Arbeitslosengeld dem Betroffenen, eine neue Stelle zu finden oder hält es ihn eher davon ab? Fragen, die auch die deutschen Wirtschaftswissenschaftler umtreiben.Sie fanden sich in den vergangenen Wochen zwei Mal in Magdeburg zusammen, um Lösungen zu diskutieren.Viele Wissenschaftler sind inzwischen der Meinung, daß zu lange ausgezahlte Unterstützung die Initiative hemmt und die Menschen dequalifiziert.Wer sich darauf verlassen kann, vergleichsweise großzügig unterstützt zu werden, der habe nur eine geringe Motivation, wieder zu arbeiten.Zumal dann, wenn er nicht erwarten kann, mit Arbeit netto wesentlich mehr zu bekommen als ohne.Grund genug darüber nachzudenken, ob man die Arbeitslosenhilfe, die nach dem Arbeitslosengeld ausgezahlt wird, wirklich braucht, mein Michael Burda von der Humboldt-Universität.Grund genug aber auch, die Arbeitslosen stärker als bisher zu motivieren: indem man ihnen den Übergang von der Untätigkeit in die Beschäftigung lohnend macht.Denn wer jede D-Mark, die er durch Arbeit einnimmt, von der Stütze wieder abgezogen bekommt, hat kaum Neigung, eine geregelte Arbeit zu suchen.Klar ist, daß zwischen einzelnen Gruppen von Arbeitslosen deutlicher als bisher unterschieden werden muß.Für gering Qualifizierte, die keinerlei Aussicht haben, jemals wieder beschäftigt zu werden, bröckelt die Front derjenigen, die Lohnsubventionen ablehnen: So sieht zum Beispiel der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, Rüdiger Pohl, für diese Gruppe keine Alternative als dauerhafte Unterstützung.Für diejenigen, die ohne Subvention nicht mehr vermittelbar sind, empfiehlt er den Kombilohn: Stellen, die bisher von Schwarzarbeitern ausgefüllt werden, oder Arbeiten, die nicht erledigt werden, sollen staatlich bezuschußt werden."Und zwar dauerhaft", fordert Pohl, der die Gruppe der aussichtslos Arbeitslosen allerdings auf weniger als 500 000 schätzt.

Für die anderen arbeitet Hans-Werner Sinn, der zukünftige Präsident des ifo-Instituts an einem Modell, das die Kapitalbeteiligung für Arbeitnehmer einschließt.Die Löhne in Deutschland seien zu hoch, als daß eine auf dem Arbeitsmarkt deutlich sichtbare Menge an neuen Stellen geschaffen werden könnten.Die Tarifpolitik verhindere Lohnsenkungen.Sinns Idee: Man kauft denen, die eine Stelle haben, eine Lohnsenkung ab, indem man ihnen Anteile am eigenen Unternehmen anbietet.Neue Beschäftigte dagegen stellt man zum niedrigeren Lohn ein, ohne daß sie in den Genuß der Beteiligung kommen.So schützt man die Rechte der Insider, "und man gibt den Outsidern eine Chance, wieder in den Arbeitsprozeß einzutreten", erklärt Sinn.Modell für diese Idee stehen US-Luftverkehrsgesellschaften, die vor wenigen Jahren die Löhne senken mußten, weil sie sonst nicht überlebt hätten.Sie gaben dafür Aktienoptionen auf das Unternehmen aus.Inzwischen gehören die Airlines zu den erfolgreichstender Welt - und die Mitarbeiter profitieren von ihrer Beteiligung.

Zusätzlich aber hat dieses Instrument einen deutlichen Effekt auf den Arbeitsmarkt.Wenn die Löhne niedriger sind und zum Teil in Kapitalbeteiligungen umgewandelt werden, haben die Unternehmen mehr Liquidität zur Verfügung.Sie können leichter expandieren und mehr neue Leute einstellen, als die Rechnung ohnehin schon ermöglicht.Ein Modell, "bei dem alle gewinnen können", sagt Sinn.In Deutschland gibt es bisher nur wenige Unternehmen, die das nutzen.Denn statt eines festen Lohns begeben sich die Mitarbeiter zumindest für einen Teil ihres Geldanspruchs in den Bereich der Hoffnungswerte.Und wenn die Aktien nicht die erhoffte Kompensation bringen, bleiben am Ende für alle nur die niedrigeren Löhne übrig.

Noch schwieriger ist es, Existenzgründer fair zu behandeln.Während Konzerne Verluste vor- und rücktragen können und so ihre Steuerlast mindern, ist das einem Teil der Gründer verwehrt.Wer nämlich vor der Unternehmensgründung kein Geld verdient hat, der hat auch nichts von der steuerlichen Möglichkeit, Verluste mit Gewinnen zu verrechnen.Für Harald Simons vom Institut Empirica Grund genug, über eine negative Einkommensteuer für Gründer nachzudenken.

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