Wirtschaft : Kommentar: Volksaktien sind keine Glücksdrogen

Catherine Hoffmann

Da ist sie wieder, Volkes Stimme. Laut und vernehmlich tönt sie: "Skandal!". Es wird Jagd gemacht auf alle, die das Glück der T-Aktionäre auf dem Gewissen haben könnten. An Verdächtigen herrscht kein Mangel: Provisionsgierige Banken, kriminelle Unternehmer, trickreiche Analysten und skrupellose Journalisten haben das Volk der Sparer mit ihrem bösen Börsenzauber verhext, heißt es. Trotzig begehren die Verlierer auf - in der tiefen Überzeugung, es gebe so etwas wie ein Recht auf steigende Kurse einer Volksaktie. Als der Zauber noch wirkte, wechselten die Papiere für 100 Euro den Besitzer. Jetzt hat die Deutsche Bank Mühe, Investoren zu finden die bereit sind, etwas mehr als 20 Euro zu zahlen. Es könnte noch schlimmer kommen, da mit dem Ende der Haltefrist der Voicestream-Aktionäre eine weitere Verkaufswelle droht.

Haben sich die wackeren deutschen T-Aktionäre eigentlich einmal gefragt, warum die Amerikaner offenkundig nur eines im Sinn haben: Die T-Aktie zu verkaufen, so schnell wie möglich? Offenkundig nicht. Die Suche nach Schuldigen schützt davor, eigene Fehlleistungen in Betracht zu ziehen. Der Kursverfall ist aber keineswegs "mysteriösen Umständen" zu verdanken, wie ein Aktionärsschützer glauben machen will. Es gibt eine ganze Reihe handfester, rational nachvollziehbarer und hinlänglich bekannter Ursachen für das Kursdebakel: Die Zahlen des Bonner Konzerns sind mehr rot als rosa. Das erste Halbjahr endete mit einem Verlust. Der Schuldenberg wuchs auf beinahe 70 Milliarden Euro. Die Investitionen in die völlig überteuerten UMTS-Lizenzen drohen sich nie auszuzahlen. Es wird immer teurer, neue Kunden zu gewinnen. Der Emissionserlös aus dem Börsengang von T-Mobile lässt auf sich warten. T-Systems erweist sich als grandiose Fehlinvestition. Und zugegeben: Die Bewertung der Immobilien war nicht korrekt. Zwischen 100 und 20 Euro hatten die T-Aktionäre aber 17 Monate Zeit, sich darüber klar zu werden, dass die Deutsche Telekom Problem beladen ist und überschätzt wurde. Zeit genug, um auszusteigen und den Löwenanteil der üppigen Rendite, die der Boom den frühen Käufern bescherte, zu sichern.

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