Kommunikationsgeschäft : Kein Anschluss mehr bei Siemens

Siemens gibt die Gigaset-Sparte SHC ab. Die Beteiligungsfirma Arques übernimmt den Rest vom einst riesigen Kommunikationsgeschäft.

Henrik Mortsiefer

BerlinSiemens hat sein einst riesiges Kommunikationsgeschäft, die Keimzelle des Unternehmens, komplett aufgegeben. Am Freitag trennte sich der Konzern vom letzten Rest: der Sparte Siemens Home and Office Communications (SHC), bekannt für die Marke Gigaset.

Die Starnberger Beteiligungsgesellschaft Arques übernimmt 80,2 Prozent an der Gesellschaft. Siemens behält 19,8 Prozent als Kapitalbeteiligung und muss – wie schon am Dienstag bei der Abtretung des Telefonanlagengeschäfts SEN an einen US-Finanzinvestor – draufzahlen. Um ein ähnliches Fiasko wie beim Verkauf der Handysparte an BenQ zu verhindern, wird SHC mit Barmitteln in Höhe von 50 Millionen Euro ausgestattet und erhält – falls nötig – eine Kreditlinie über 20 Millionen Euro, wie Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser am Freitag mitteilte. Der taiwanesische BenQ-Konzern hatte das ehemalige Handygeschäft von Siemens ein Jahr nach der Übernahme in die Pleite geschickt.Rund 3000 Beschäftigte verloren ihren Job.

Unter dem Strich hinterlasse die Trennung von SEN bei Siemens einen Verlust in Höhe eines „mittleren zweistelligen Millionenbetrags“, sagte Kaeser. Die Sicherung der Standorte und der Beschäftigung habe im Vordergrund gestanden, nicht ein Verkaufserlös. Demnach hat Arques für die kommenden drei Jahre eine Beschäftigungsgarantie für die Standorte Bocholt (1400 Mitarbeiter) und München (250 Mitarbeiter) gegeben, Firmensitz soll München bleiben.

„Wir schließen das Kapitel Kommunikation bei Siemens“, sagte Kaeser. Den verbliebenen Minderheitsanteil an SHC will der Konzern in nicht allzu ferner Zukunft abgeben. „Wir begleiten das noch für zwei Jahre.“ So lange darf der neue Besitzer die Marke Siemens nutzen. Mit der glanzlosen Trennung von den weltweit erfolgreichen Gigasets, die zwei Drittel der SHC-Umsätze ausmachen, hat sich Siemens nun vom gesamten „Randbereich“ Kommunikation getrennt. 2007 erwirtschaftete SHC laut Kaeser einen Umsatz von rund 800 Millionen Euro und einen Gewinn von 13 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor war noch ein Verlust von 60 Millionen Euro angefallen.

„Mit dem Verkauf entsteht zumindest für die nächsten zwei Jahre Klarheit für die Beschäftigten“, sagte der Siemens-Betriebsbetreuer der IG Metall, Martin Kimmich. „Die quälende Hängepartie findet ihr vorläufiges Ende.“ Durch Vereinbarungen habe die Gewerkschaft den Übergang für die Beschäftigten abgesichert.

Dass SHC in der Regie von Arques dennoch umgebaut werden muss, ist wahrscheinlich. Trotz des „gesunden Kerngeschäfts“ mit schnurlosen Telefonen müssen nach Angaben von Arques-Chef Michael Schumann die anderen zwei Bereiche noch analysiert werden. Ziel sei es insbesondere, neue Märkte im Ausland zu erschließen. Einen genauen Restrukturierungsplan gebe es aber noch nicht. SHC stellt neben den Gigasets auch Zubehör für den schnellen Internetzugang sowie Empfänger für das digitale Fernsehen her.

Der neue Besitzer Arques hat nach eigenen Angaben keine Erfahrung im Telekommunikationsgeschäft. Das börsennotierte Unternehmen hat sich auf den Aufkauf von Firmen in Umbruchsituationen spezialisiert und ist hier nach eigenen Angaben führend in Europa. Laut Vorstandschef Schumann hält Arques 23 Beteiligungen an Teilkonzernen, die zuletzt einen Gesamtumsatz von 5,5 Milliarden Euro erwirtschafteten. Henrik Mortsiefer

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