Wirtschaft : Kompromißlos für den Standort Berlin

ALFONS FRESE

Der Chef des Wittenauer Schuhpflegeherstellers Collonil warnt vor Miesmacherei VON ALFONS FRESE

Glaubt man den Funktionären der großen Wirtschaftsverbände, dann ist alles furchtbar in Deutschland.Arbeitskosten zu hoch, Mitarbeiter ständig krank, zu viel Freizeit, freies Unternehmertum wegen Regulierungsdichte nicht möglich.Eine Stimme wie die von Michael Salzenbrodt hört man in der unendlichen Standortdebatte selten: "Wir müssen aufpassen, daß wir bei allen notwendigen Einschränkungen unsere Wirtschaft nicht nur auf reine Marktwirtschaft beschränken.Sie sollte auch noch sozial bleiben, denn der soziale Friede ist die Voraussetzung für eine gut prosperierende Wirtschaft." Salzenbrodt ist Geschäftsführender Gesellschafter der Collonil Salzenbrodt GmbH&Co.KG mit Sitz in Berlin und Wien."Schuhe wollen Collonil" - mit diesem Slogan verkauft der Mittelständler seit Jahrzehnten Pflegemittel aus Wittenau.In Berlin erwirtschaften rund 230 Personen für Collonil einen Umsatz von 45 Mill.DM im laufenden Jahr.In Wien sind es 60 Mitarbeiter; insgesamt 600 Artikel hat die Firma im Sortiment. Nach der Wende hat Salzenbrodt die Produktion in der teurer gewordenen Hauptstadt niemals in Zweifel gezogen.Im Gegenteil: "Wo es für uns keinen Kompromiß gibt, das ist der Standort Berlin.Hier haben wir unser qualifiziertes Personal, auf dessen Erfahrungsschatz wir nicht verzichten können und wollen." Der Wegfall der Berlinförderung zeigte allerdings Wirkung, rund 60 Arbeitsplätze wurden gestrichen.Doch trotz der Kostennachteile: In Deutschland, so Salzenbrodts Erfahrung, "haben wir immer noch die am besten ausgebildeten Menschen unseres Kontinents".Deshalb "denken wir gar nicht daran", die Produktion in ein Billiglohnland zu verlagern, dabei "auf das Wissen und die Erfahrung unserer Mitarbeiter zu verzichten, um dann nach fünf Jahren festzustellen, daß die Löhne in den anderen Ländern sich den deutschen Löhnen sehr angenähert haben". Die Geschichte von Collonil beginnt 1909.Eine schwedische Firma suchte per Inserat für ihr Lederöl eine deutsche Generalvertretung.Ein junger Mann namens Karl Esslen, "dem seine Medizinstudien zu mühsam waren" und der "möglichst schnell Geld verdienen wollte", wie es in der Firmenchronik heißt, übernahm den Job.Weniger später nahm Esslen die Brüder Walter und Paul Salzenbrodt als Teilhaber an Bord.Ein eigenes Öl wurde fabriziert.Der Name Collonil ergab sich mehr oder weniger aus den Verbrauchergewohnheiten: Die Kunden wünschten nämlich ein klebriges, zähes und fadenziehendes Öl; in Variation des französischen Wortes für kleben - coller - kamen die Unternehmer auf Collonil. Nach und nach wuchs das Sortiment.Zum Lederöl kamen Schuhputz- und Pflegemittel und in den 20er Jahren Glanzfett; damit konnten die Schuhe nicht nur wasserabweisend, sondern auch glänzend gemacht werden.Nach dem Krieg und dem teilungsbedingten Umzug aus dem Umland nach West-Berlin wurde "Collonil Selbstglanz" unter dem Motto "Aus der Flasche auf den Schuh, kein Polieren, glänzt im Nu", zum Welterfolg; auch Japaner und Australier verteilen das Mittel auf ihren Schuhen.Die Tuben "Waterstop" und "Soft-practic" erweiterten mit Erfolg die Produktpalette. Das Grundprinzip der Schuhpflege - Imprägnieren des Leders gegen Wasser und Schmutz sowie die "farbauffrischende" Pflege - entwickelte Collonil im eigenen Labor weiter.Ein gemeinsam mit Gore-Tex vertriebenes Mittel sowie ein umweltfreundliches Luftspray zum Imprägnieren sind die neuesten Produkte aus Wittenau - die im übrigen nur im guten Fachhandel vertreten sind."Dies vor allem deshalb, weil unsere Produkte sehr speziell auf bestimmte Materialien zugeschnitten sind, wie zum Beispiel die gerade modernen künstlichen kroko- und reptilgeprägten Leder", erläutert Salzenbrodt. Mit einer Exportquote von über 50 Prozent ist Collonil eine positive Ausnahme in der Berliner Wirtschaft; geliefert wird in über 90 Länder.Von der gegenwärtigen wirtschaftlichen Tristesse in der Hauptstadt läßt sich Salzenbrodt nicht beeindrucken.Er freut sich vielmehr darüber, "daß wir genau in der Mitte des Geschehens sind"."Wir sollten uns nicht durch Krisengerede entmutigen lassen, sondern die Schaufel in die Hand nehmen und zupacken".Auch zum Thema Globalisierung hat Salzenbrodt eine in diesen Tagen ungewöhnliche Einstellung: "Wer exportiert, muß auch im Ausland kaufen.Trotzdem denke ich an meine Mitarbeiter und an die Sicherung unser aller Arbeitsplätze."

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