Konjunktur : Abstieg vom Gipfel

Der fulminante Aufschwung ist vorüber – die deutsche Wirtschaft wächst nur noch leicht. Auch der Rest der Euro-Zone schwächelt.

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Schlechte Sicht. Wenn der Höhepunkt erreicht ist, geht es wieder abwärts. Das gilt auf dem Montblanc wie in der Wirtschaft.
Schlechte Sicht. Wenn der Höhepunkt erreicht ist, geht es wieder abwärts. Das gilt auf dem Montblanc wie in der Wirtschaft.Foto: dpa-tmn

Berlin - Der Aufschwung in Deutschland ist im Frühjahr überraschend zum Stillstand gekommen. Die Wirtschaftsleistung wuchs zwischen Anfang April und Ende Juni nur noch um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag erklärte. Auch in Europa lief die Konjunktur deutlich schlechter, hier lag das Plus nur noch bei 0,2 Prozent. Die Börse reagierte mit einem Kurssturz, Ökonomen korrigierten ihre Wachstumsprognosen für die kommenden Monaten nach unten.

Im ersten Quartal dieses Jahres war die deutsche Wirtschaft noch um 1,3 Prozent gewachsen. Das zweite Quartal dagegen war das schwächste seit Anfang 2009. Nur noch der Export und die Investitionen der Unternehmen sorgten für Schub in der deutschen Wirtschaft, erklärte die Statistikbehörde. Dagegen gab es Rückgänge beim Bau, und die Verbraucher hielten sich mit Ausgaben zurück. Womöglich sind die Bürger angesichts der Eskalation der Schuldenkrise besorgt über die Zukunft und halten sich beim Konsum entsprechend zurück. Denn die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist unverändert gut – 41 Millionen Menschen waren im zweiten Quartal erwerbstätig.

Die schwachen Daten haben der dreitägigen Gewinnserie des Aktienindex Dax ein jähes Ende bereitet. Der Index der 30 größten deutschen an der Börse notierten Unternehmen verlor zuletzt 0,4 Prozent und schloss wieder unter der Marke von 6000 Punkten. Zuvor hatte vor allem die Industrie mit immer neuen Erfolgsmeldungen von sich reden gemacht.

Eine Eintrübung der Gesamtwirtschaft hatte sich in den vergangenen Monaten allerdings bereits angedeutet. Die Skepsis der Manager hatte zugenommen, vor allem wegen der schlechten Nachrichten aus der Weltwirtschaft. Die USA stagnieren nur noch und rutschen womöglich wieder in die Rezession. Vor allem die Konsumenten halten sich zurück, wie die Quartalszahlen des weltgrößten Einzelhändlers Wal-Mart vom Dienstag zeigen: Auf dem Heimatmarkt stagniert das Geschäft nur noch. Auch China, bislang einer der wichtigsten Nachfrager, offenbarte Schwächen und versucht, sein Wachstumstempo zu drosseln.

Wie immer im August korrigierten die Statistiker auch die Konjunkturzahlen für die Vergangenheit leicht. Für das erste Quartal dieses Jahres hatten sie ursprünglich einen ungewöhnlich hohen Wert von 1,5 Prozent angegeben, nun sind es 1,3 Prozent. In der tiefen Rezession 2009 ist die deutsche Wirtschaft um 5,1 Prozent geschrumpft statt wie bisher berechnet um 4,7 Prozent.

Wirtschaftsforscher sehen in der aktuellen Abschwächung noch keine Trendwende. „Man sollte einen Rückgang um ein paar Nachkommastellen nicht überbewerten“, sagte der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt dem Tagesspiegel. „Das Wachstum war in den letzten Quartalen ja auch deshalb so stark, weil wir noch immer in einem Aufholprozess nach der tiefen Krise steckten. Deutschland kann sich von der Abschwächung der Weltwirtschaft eben nicht abkoppeln“, befand Schmidt, der auch Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) ist. „Die Phase überschäumenden Wachstums liegt jetzt hinter uns“, urteilte Andreas Rees von der Großbank Unicredit.

Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank, machte einen Sondereffekt für die Abschwächung verantwortlich. Der milde Winter habe dazu geführt, dass auf den Baustellen schon in den ersten Monaten des Jahres wieder habe gearbeitet werden können. Hätten diese Tätigkeiten wie sonst üblich im zweiten Quartal stattgefunden, hätte es ein Plus von 0,4 Prozent statt 0,1 Prozent gegeben.

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) verlangte Reformen, um die deutschen Wachstumskräfte zu stärken. „Wenn wir jetzt die Chancen konsequent ergreifen, werden wir auf einen Wachstumspfad zurückkehren.“ Als Beispiel nannte er Innovationen und neue Technik sowie steuerliche Entlastungen für untere und mittlere Einkommen.

Für die Zukunft rechnen die Ökonomen mit geringeren Wachstumsraten als zuletzt – die größten Optimisten hatten bei der Wirtschaftsleistung ein Plus von bis zu vier Prozent in diesem Jahr angenommen. 2011 werde es um die drei Prozent liegen, sagte RWI-Chef Schmidt – bislang hatte sein Institut 3,7 Prozent vorhergesagt. Zudem sehe es so aus, „dass wir uns 2012 und 2013 auf ein deutlich schwächeres Wachstum werden einstellen müssen. Aber selbst zwei Prozent wären nicht so schlecht und noch über dem langjährigen Durchschnitt“, befand er. Ein Risiko sei aber die Schuldenkrise in Europa. Die Politik sei gefordert, „ein langfristig wirksames Konzept gegen die Schuldenkrise vorzulegen. Die Turbulenzen an den Märkten zeigen, dass die Unsicherheit der Investoren groß ist.“

Auch in den anderen großen Ländern der europäischen Währungsunion schwächte sich die Konjunktur im zweiten Quartal deutlich ab. In Frankreich kommt die Wirtschaft gar nicht mehr von der Stelle (0,0 Prozent), Italien (0,3 Prozent) und Spanien (0,2 Prozent) schneiden nun sogar besser ab als die Bundesrepublik, wie Eurostat mitteilte. Die größte Dynamik gibt es derzeit in kleinen Ländern wie Lettland (2,2 Prozent), Estland (1,8 Prozent), Finnland (1,2 Prozent) und Österreich (1,0 Prozent).

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