Wirtschaft : Konjunktur am Scheideweg: DIW: Wachstum wird sich leicht abschwächen - HWWA optimistischer

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Einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung mit Wachstumraten von drei Prozent und mehr wird es in Deutschland in der nahen Zukunft nicht geben. Derzeit steht dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge die Konjunktur am Scheideweg: Zwar wird laut einer am Dienstag in Berlin vorgelegten Prognose des DIW das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 2,7 Prozent zulegen und damit so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr. Im Jahre 2001 allerdings soll der Zuwachs nur noch 2,6 Prozent betragen. Der Grund sei eine erwartete Abkühlung der Konjunktur in den USA sowie die damit verbundene Aufwertung des Euro. Außerdem wirke die restriktive Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) bremsend auf die Wirtschaft. Die jüngste Zinserhöhung sei "eine unnötige Aktion" gewesen, da im gesamten Euroraum kein Inflationsdruck geherrscht habe. Dies würde die deutsche Exportwirtschaft schwächen, die momentan dank "idealer Bedingungen" noch Rekordergebnisse einfahre, urteilte Gustav-Adolf Horn, der Konjunkturexperte des Instituts. Im Mai hätten deutsche Unternehmen Waren im Wert von 102,1 Milliarden Mark ausgeführt, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit. Dies sei ein Plus von 30,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.

DIW-Ökonom Horn lobte die Lohnpolitik der Tarifparteien, die sich auch weiterhin am Produktivitätsfortschritt orientieren müsse. Eine durch die Steuerreform der Bundesregierung gestärkte Binnenkonjunktur könne die Verlangsamung des Konjunkturaufschwungs nur begrenzt auffangen. Es besteht laut DIW-Präsident Klaus F. Zimmermann zudem die Gefahr, dass die "positiven Signale" der Reform durch eine Veränderung der geplanten Steuergesetze gebremst werden. Bei einem Scheitern der Reform fiele das Wachstum um 0,5 Prozent geringer aus, warnte er. Komme die Reform, werde die Arbeitslosigkeit bis Ende 2001 auf 3,5 Millionen zurückgehen. Die Wirtschaft in den neuen Bundesländern wird wieder mit der gleichen Rate wachsen wie der Rest der Republik, glauben die DIW-Forscher.

Optimistischer als das Berliner Institut schätzt das Hamburgische Welt-Wirtschaftsarchiv (HWWA) die Situation ein. In diesem Jahr werde die deutsche Wirtschaft um drei Prozent wachsen, im kommenden Jahr um 2,9 Prozent, heißt es in dem am Dienstag vorgelegten Konjunkturbericht. Auch das HWWA geht von einem schwächeren Export aus, glaubt aber an die Binnenkonjunktur als Stütze des Wachstums. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Steuerreform umgesetzt werde. Sonst entstünden 150 000 Arbeitsplätze weniger.

Für die gesamte Euro-Zone erwartet das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt von durchschnittlich 3,3 Prozent. Bei den bisherigen Nachzüglern Deutschland und Italien verstärke sich die Dynamik, teilte das RWI am Mittwoch in Essen mit. Das BIP-Wachstum in der Euro-Zone bleibe weiter kräftig und werde sich erst im Verlauf von 2001 auf 3,2 Prozent abflachen. Die Arbeitslosigkeit werde in diesem Jahr auf durchschnittlich 9,2 Prozent und 2001 auf 8,7 Prozent sinken.

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