Wirtschaft : Konjunktur: "Amerika schrammt an der Rezession vorbei"

Martina Ohm

In der aktuellen Debatte über die US-Konjunktur gehen die Einschätzungen der Fachleute auseinander. Zu groß ist die Ungewissheit über die Wirkungen der Greenspanschen Zinssenkungen und der Steuerpläne von Präsident George W. Bush. Während die einen von konjunktureller Abkühlung reden, sprechen andere von Rezession und Stagflation. Und neben dem Begriff einer weichen Landung, der ein inflationsverträgliches Wachstum zwischen drei und vier Prozent umschreibt, und einer harten Landung - mit noch niedrigeren Wachstumsziffern - gibt es nun auch noch die "härtere" oder "ruppigere" Landung.

"Kein Mensch weiß mehr, was das alles zu bedeuten hat", sagt Thomas Mayer, Chefökonom der Frankfurter Niederlassung von Goldman Sachs zu dem semantischen Sprachwirrwarr. Fest steht: Die seit 1997 anhaltende Phase eines Wachstums von mehr als vier Prozent in den USA scheint endgültig vorbei. Dass aber die USA, die für fast 30 Prozent der globalen Ökonomie stehen, in diesem Jahr in die Rezession abdriften, ist eher unwahrscheinlich - auch wenn die Stimmung in der US-Industrie gemessen am nationalen Einkaufsmanagerindex im Dezember so schlecht war wie lange nicht mehr. "Amerika schrammt an der Rezession vorbei," fasst Mayer die neueste Prognose seines Hauses zusammen.

Das sehen die meisten Volkswirte hier zu Lande auch so. Entsprechend gehen die vorsichtigsten Schätzungen der volkswirtschaftlichen Abteilungen der Großbanken von einem realen Wachstum von über zwei Prozent für 2001 aus. An den Märkten hingegen klingt es wesentlich dramatischer. "Hier werden Erwartungen gehandelt," erklärt Wolfram Schrettl, Leiter der Abteilung Weltwirtschaft beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, den scheinbaren Widerspruch zwischen Volkswirten und Börsianern.

Was aber bedeutet Rezession? Von Rezession ist nach der klassischen Definition die Rede, wenn in zwei oder mehr aufeinanderfolgenden Quartalen ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zu verzeichnen ist. Immer mehr Volkswirte aber - beispielsweise auch die der OECD in Paris - definieren Rezession nicht nur "klassisch" oder "technisch", wie es heißt, sondern verweisen auf das Verhältnis zwischen theoretisch möglichem Wachstum des Produktionspotenzials und der tatsächlichen Entwicklung des realen Bruttoinlandprodukts. Andreas Rees von der Bayerischen Hypovereinsbank etwa weist darauf hin, dass das langfristige Produktionspotenzial der USA mit - von der US-Notenbank geschätzten - knapp vier Prozent Wachstum etwa doppelt so hoch ist wie die tatsächliche Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts. Gemessen an der Produktionslücke wäre es schon heute zutreffend, von Rezession zu sprechen. Nachvollziehbarer, weil klarer abzugrenzen und auch gebräuchlicher aber bleibt die technische Definition.

Nicht mit einer Rezession, schon eher mit einer Stagflation, rechnet Christoph Weil von der Commerzbank. Die Wortschöpfung stammt zwar aus den 70er Jahren, als der Ökonom Abba Lerner den Zustand von Stagnation und Inflation in der Folge der beiden Ölpreiskrisen beschrieben hat: Nullwachstum beziehungsweise niedrigere Wachstumsraten waren seinerzeit mit dauerhaft hohen Preissteigerungsraten gepaart. Freilich waren die Inflationsraten damals ungleich höher als heute.

Gleichwohl glauben manche Ökonomen auch heute Anzeichen für eine neue Art der Stagflation erkennen zu können. Beispiel: US-Arbeitsmarkt. Die Lage dort gilt nach wie vor als angespannt. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote von vier Prozent im vergangenen Jahr war immerhin die niedrigste Rate seit 1969. Und auch die so genannte Inflations-Kernrate, in der direkte Effekte der Verteuerung von Kraftstoffen und Heizöl herausgerechnet sind, lag im Oktober immerhin noch bei 2,5 Prozent - nach zwei Prozent zum Jahresbeginn. Spannend wird dann allerdings die Frage, wie die US-Notenbank reagiert. Irgendwann muss sie sich zwischen Inflationsbekämpfung und Wachstumsförderung entscheiden.

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