Konjunktur : Angst um den Aufschwung

Benzin ist so teuer wie nie, die Inflation zieht an, die Reallöhne sinken. Das schmälert das Wachstum - und schürt mitten im Boom die Unsicherheit bei Verbrauchern und Experten.

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Geht der Konjunktur der Treibstoff aus? Die Wachstumsprognosen könnten sich wegen der wachsenden Unsicherheit als zu optimistisch erweisen.
Geht der Konjunktur der Treibstoff aus? Die Wachstumsprognosen könnten sich wegen der wachsenden Unsicherheit als zu optimistisch...Foto: dpa

Berlin - Spritpreise auf Rekordniveau und die anziehende Inflation sorgen für Zweifel an der Zukunft des Aufschwungs in Deutschland. Wirtschaftsexperten sorgen sich, dass die steigenden Preise die Kaufkraft der Verbraucher drücken und die Kosten für die Unternehmen in die Höhe treiben könnten. „Das ist die Achillesferse der Erholung“, sagte Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, am Freitag dem Tagesspiegel. „Wenn es bei der Preisentwicklung weiter negative Überraschungen gibt, müssen wir Abstriche beim Wirtschaftswachstum machen.“ Die Umsätze im Einzelhandel gingen im März bereits deutlich zurück.

Die Autofahrer mussten am Freitag im bundesweiten Durchschnitt 1,61 bis 1,62 Euro für einen Liter Superbenzin bezahlen, teilten Sprecher der Mineralölwirtschaft mit. Am Donnerstagabend hatte die Branche die Preise noch einmal angehoben. Schon seit drei Wochen kostet der Treibstoff beinahe so viel wie im Sommer 2008 – damals hatte die Spitze bei knapp 1,60 Euro gelegen. Diesel kostet gegenwärtig etwas weniger als 1,46 Euro, das sind ungefähr neun Cent weniger als damals. Der ADAC sprach von Mitnahme-Effekten der Tankstellen vor dem Ende der Osterferien. Die Branche selbst verweist auf die hohen Großmarktpreise.

Der ungebrochene Trend dürfte für weiter steigende Verbraucherpreise in der nächsten Zeit sorgen. Für den April hat das Statistische Bundesamt bereits ein Plus von 2,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat errechnet, der stärkste Anstieg seit September 2008. Im Euro-Raum erreichte die Inflationsrate nach Angaben des EU-Statistikamtes Eurostat vom Freitag sogar 2,8 Prozent.

Die mäßigen Tarifsteigerungen der vergangenen Monate und die gleichzeitige Teuerung führen dazu, dass die Reallöhne der Beschäftigten sinken. Die Monatsverdienste der Arbeitnehmer seien zwischen Januar 2010 und Januar 2011 um 0,9 Prozent gestiegen, die Preise aber um 2,0 Prozent, rechnete das deutsche Statistikamt vor. Angesichts der Wirtschaftskrise seien die Tarifabschlüsse noch immer schwach, hieß es zur Begründung. Auch die jüngsten Lohnrunden fielen mäßig aus – zwar vereinbarten die Chemie-Tarifpartner kürzlich einen Aufschlag von 4,1 Prozent, doch die meisten anderen Branchen mussten sich mit weniger begnügen. Die öffentlich Bediensteten der Länder etwa kamen auf 2,3 Prozent.

Angesichts ihrer schwindenden Kaufkraft halten sich die Verbraucher beim Einkaufen bereits zurück. Im März sanken die Erlöse des Einzelhandels gegenüber dem Vorjahr um real 3,5 Prozent. Das sei das erste Minus im Jahresvergleich seit April 2010 gewesen, teilte das Statistikamt mit. Auch im Vergleich zum Februar sanken die Ausgaben im März. Eine Vertreterin des Handels verwies auf den späten Oster-Termin, der die Geschäfte nicht wie sonst üblich im März, sondern im April belebt habe. Allerdings hat sich die Stimmung der Verbraucher zuletzt zwei Monate in Folge eingetrübt. Sie neigten wegen der Unruhen in Nordafrika, der Katastrophen in Japan und der steigenden Preise zur Vorsicht und planten weniger Einkäufe, ermittelte die Gesellschaft für Konsumforschung in Umfragen.

Wirtschaftsexperten blicken mit Sorge auf die Entwicklung des Konsums. Sie hatten angenommen, dass er neben dem Export zur zweiten starken Stütze des Aufschwungs in diesem Jahr werden würde. „Der Konsum wird zwar nicht als Wachstumsträger ausfallen, er wird sich aber längst nicht so stark entwickeln wie gedacht“, sagte Uwe Angenendt, Chefvolkswirt der BHF-Bank. Für eine kräftigere Binnennachfrage spricht allerdings die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt. Im April sank die Zahl der Erwerbslosen fast schon wieder unter die Drei-Millionen-Marke, in den kommenden Monaten dürfte sie nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit darunter liegen. Sind mehr Menschen berufstätig, steigt auch die Kaufkraft.

Die steigenden Preise könnten allerdings nicht nur die Kaufkraft schmälern, sondern auch die Notenbank auf den Plan rufen. Die Europäische Zentralbank hatte im April erstmals seit drei Jahren den Leitzins angehoben und das mit der anziehenden Teuerung begründet. Stabile Preise sehen die Währungshüter um Jean-Claude Trichet bei einer Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent. Höhere Leitzinsen, womöglich ab Juli, würden den Preisanstieg, aber auch die Dynamik des Aufschwungs bremsen.

Die Wachstumsprognosen könnten sich wegen der wachsenden Unsicherheit daher bald als überarbeitungsbedürftig herausstellen. „Angesichts der vielen Belastungen sind wir nicht mehr ganz so optimistisch für das Wachstum in diesem Jahr“, sagte Angenendt von der BHF-Bank. Statt um 3,0 Prozent werde die Wirtschaftsleistung wohl nur um 2,5 Prozent zunehmen. Marco Bargel, Chefökonom der Postbank, sieht zusätzliche Risiken – weiter steigende Rohstoffpreise, eine Euro-Abwertung, stark steigende Löhne. „Dann ist nicht auszuschließen, dass die Preissteigerungsrate im Verlauf des Jahres 2012 vorübergehend eine Vier vor dem Komma zeigt.“

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