Konjunktur : Aufschwung bringt 300.000 neue Stellen

Die deutsche Wirtschaft wird im kommenden Jahr fast 300.000 neue Stellen schaffen. Dies sei eine Folge der starken wirtschaftlichen Erholung nach der tiefen Krise, erklärt der Wirtschafts-Sachverständigenrat der Bundesregierung in seinem neuen Gutachten.

von
Franz.
Franz.Foto: dpa

In der Frage, ob das Land bald der Vollbeschäftigung nahe komme, sei er aber „sehr zurückhaltend“, sagte Wolfgang Franz, der Vorsitzende des Rates, am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung der Studie.

In ihrem Gutachten sagen die Wirtschaftsweisen voraus, dass die Arbeitslosigkeit 2011 im Durchschnitt bei 2,968 Millionen liegen wird. Das bedeutet, dass die Arbeitslosenzahl in einigen Monaten, etwa im Frühherbst, der Marke von 2,5 Millionen nahe kommen dürfte. 2010 rechnen die fünf Experten mit 3,245 Millionen Arbeitslosen. Das Wirtschaftswachstum veranschlagen sie auf 3,7 Prozent in diesem und 2,2 Prozent im kommenden Jahr – die Zahlen liegen über den Schätzungen der Regierung. Die gute Entwicklung auf dem Jobmarkt sorge dafür, dass das Wachstum nicht mehr nur vom Export getragen werde, sondern mehr und mehr auch vom Binnenmarkt, sagte Franz. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versicherte, das Land auf Reformkurs zu halten, als sie am Mittwoch das Gutachten entgegennahm.

Mit dem leicht zurückgehenden, aber stabilen Wachstum bleibt die Bundesrepublik den Weisen zufolge die Konjunkturlokomotive Europas: Unter den Schwergewichten – Großbritannien, Spanien, Italien und Frankreich – liegt das deutsche Plus an der Spitze. Das stärkste Wachstum verzeichnet mit 4,3 Prozent die Slowakei, gefolgt von Polen mit 3,7 Prozent.

Das Werk der Weisen gilt neben den Frühjahrs- und Herbstgutachten der Wirtschaftsinstitute als wichtigste Standortbestimmung für die ökonomische Lage. Die fünf Professoren werden vom Bundespräsidenten berufen und sind nicht an Weisungen der Regierung gebunden.

Wie rasch sich die Lage auf dem Jobmarkt bessert, zeigt die steigende Zahl offener Stellen. Zwischen Juli und Ende September habe es bei Unternehmen und Verwaltungen 986 000 unbesetzte Arbeitsplätze gegeben, berichtete das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Das seien 19 Prozent mehr als vor einem Jahr, allerdings noch weniger als zu Beginn der Wirtschaftskrise. Während sich das Stellenangebot in der Industrie zum Teil verdoppelte, ging es in überwiegend öffentlich finanzierten Sektoren wie Erziehung und Soziales zurück.

In den kommenden 15 Jahren wird die Erwerbstätigenzahl dem Rat zufolge deutlich zurückgehen. Angesichts der Demografie werde es bis 2025 ein Minus von sieben Millionen Menschen geben. Ein Anstieg der Erwerbsquote – etwa durch mehr berufstätige Frauen – oder eine höhere Zuwanderung reichten nicht, um den Rückgang auszugleichen. Gleichwohl müsse die Regierung dafür sorgen, dass die Erwerbstätigkeit steige, um eine Verringerung des Wachstums zu verhindern.

Die Weisen warnten davor, mit Mindestlöhnen auf die Öffnung der Grenzen für osteuropäische Arbeitnehmer zu reagieren, die im Mai 2011 ansteht. Lohnuntergrenzen für einige Branchen fordern die Gewerkschaften, weil sie vor allem im Niedriglohnbereich, etwa im Bereich der Leiharbeit, Druck auf die Bezahlung fürchten. Die Weisen argumentieren, dank Ausnahmeregelungen seien bereits in den vergangenen Jahren Arbeitskräfte aus Polen, Ungarn oder Tschechien nach Deutschland gekommen. Die zu erwartende Größenordnung der Einwanderung – die Weisen gehen von bis zu 150 000 aus – werde „keine allzu gravierenden Auswirkungen auf den hiesigen Arbeitsmarkt entfalten“. Allerdings könne es sein, dass sich die Zuwanderung auf bestimmte Grenzregionen oder Branchen beschränke.

Allerdings sind die Professoren in diesem Punkt uneins: Peter Bofinger, der auf Empfehlung der Gewerkschaften in dem Gremium sitzt, spricht sich „dringend“ für einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn aus. Die Argumente dagegen nennt er „wenig überzeugend“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar