Wirtschaft : Konjunktur: Besserung der Wirtschaftslage ist nicht in Sicht

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Die Konjunkturschwäche in Deutschland wird nach derzeitigem Erkenntnisstand über die Jahresmitte hinaus anhalten. Dieses Signal geben die beiden Indikatoren des Handelsblatts für Deutschland, die der gesamtwirtschaftlichen Produktion etwa ein Vierteljahr vorauslaufen. Damit dürfte sich auch die Erholung in den Euro-Teilnehmerländern hinziehen, da Deutschland deren größte Volkswirtschaft ist.

Auch die weiteren Rückgänge der Einkaufsmanagerindizes für die großen EuroLänder, den Euro-Raum und unerwartet auch für die USA im Mai sprechen gegen einen schnellen Konjunkturaufschwung. Der überraschende leichte Rückgang bei der amerikanischen Arbeitslosenquote vom vergangenen Freitag widerspricht dem nicht, weil immer noch Stellen abgebaut werden.

Der Handelsblatt-Frühindikator für Westdeutschland, das rund 90 Prozent zum gesamtdeutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) beisteuert, setzte nach einer Atempause im Mai seinen Abwärtskurs im Juni fort und sank nochmals leicht von 2,1 auf nun 2,0 Prozent. Das Konjunkturbarometer für Ostdeutschland fiel erneut deutlich von 2,3 auf 1,9 Prozent und unterschritt damit die Zwei-Prozent-Marke erstmals seit Sommer 1996.

Die Entwicklung des Handelsblatt-Frühindikators in den Monaten April bis Juni lässt eine weitere Abschwächung des deutschen Wirtschaftswachstums im dritten Quartal erwarten. Sollten sich die Handelsblatt-Indikatoren für Deutschland in den nächsten Monaten weiter tendenziell abwärts bewegen, ist vor dem Hintergrund des schwachen Wachstums im ersten Quartal fraglich, ob im Gesamtjahr ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozent überhaupt erreicht werden kann.

Mehrere Banken hatten jüngst ihre Deutschland-Prognosen bereits auf rund 1,5 Prozent nach unten revidiert. In den nächsten Wochen werden die sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute folgen - voraussichtlich aber nicht im selben Korrekturausmaß. Damit dürfte die deutsche Bundesregierung erneut unter Druck geraten, auch ihre erst Ende April offiziell auf zwei Prozent nach unten angepasste Prognose für 2001 abermals zu überprüfen und gegebenenfalls doch einen Nachtragshaushalt aufzustellen.

Unterdessen sind neue Spekulationen über eine Senkung der Leitzinsen in den USA und in Europa aufgekommen. Grund waren Aussagen vom Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, und vom Chef der US-Notenbank Fed, Alan Greenspan über die Geldwertstabilität. Nach Ansicht von Duisenberg kann 2002 das Ziel erreicht werden, die Inflationsrate in der Eurozone unter die Marke von zwei Prozent zu drücken. US-Notenbankchef Greenspan betonte, er sehe nur kurzfristig eine geringe Inflationsgefahr in den USA. "Meiner Meinung nach ist die Inflation kein bedeutendes Problem", sagte Greenspan in einer Videoschaltung zu einer Konferenz des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Singapur. Die Entwicklung müsse dennoch genauestens beobachtet werden. Für die Abschwächung des Wirtschaftswachstums seien nach Darstellung Greenspans in großem Maße die hohen Energiepreise verantwortlich. Es gebe jedoch Anzeichen dafür, dass die Ölpreise und die Treibstoffpreise in den kommenden Monaten zurückgehen würden.

"Die Europäische Zentralbank hält an ihrem Ziel der Preisstabilität fest", bekräftigte Duisenberg. Im April war die jährliche Inflationsrate in der Eurozone auf 2,9 Prozent gestiegen; Beobachter rechnen mit einem weiteren Anstieg.

Die EZB kann nach Ansicht Duisenbergs nicht für Wachstumsprobleme im Euro-Raum verantwortlich gemacht werden: "Die Zinsen sind niedrig." Von dieser Seite aus gebe es keine Wachstumshindernisse. Geldpolitik wirke sich eher mittel- und langfristig aus und habe eine sehr geringe Auswirkung auf die kurzfristige Entwicklung. Trotz der aktuellen Schwäche des Euro bekräftigte Duisenberg den Glauben an die europäische Gemeinschaftswährung. Der Euro habe auf Grund der Wirtschaftskraft des Euro-Raums ein großes Kurspotenzial.

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