Wirtschaft : Konjunktur: Das Wachstum in Deutschland bricht ein

Wegen der immer schlechteren Wirtschaftslage in Deutschland mehren sich die Forderungen an die Europäische Zentralbank, die Leitzinsen zu senken. Zwei der sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute plädierten am Montag trotz der hohen Inflation für eine Zinssenkung. Unterdessen nahmen zwei andere Institute ihre Wachstumsprognosen für 2001 weiter zurück.

Mit nur noch 1,3 Prozent sieht das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr wachsen. Im März hatten die Forscher noch 2,1 Prozent Wachstum vorhergesagt. Das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) nahm seine Schätzung auf 1,7 Prozent zurück - zuvor waren es 2,3 Prozent gewesen. Im vergangenen Jahr war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 3,0 Prozent gewachsen. Auch der Bundesverband Deutscher Banken befürchtet, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland in diesem Jahr die Zwei-Prozent-Marke kaum erreichen werde. Ein noch weiteres Abrutschen der Konjunktur sei jedoch unwahrscheinlich, hieß es.

Für die zweite Jahreshälfte erwarten HWWA und IfW ein Anziehen der Konjunktur. Laut IfW werden die Unternehmen das gegenwärtige Stimmungstief im Laufe des Sommers überwinden. Hinzu komme, dass die Privathaushalte ihr höheres Realeinkommen noch nicht in höhere Konsumausgaben umgesetzt hätten. Dies würden sie im weiteren Jahresverlauf nachholen. Im Jahr 2002 werde die Konjunktur durch eine kräftige Zunahme des privaten Konsums geprägt sein, teilte das IfW mit. Das HWWA sieht noch Risiken durch Ölpreis und Euro-Kurs. Außerdem könnten übermäßige Lohnforderungen die Konjunktur beeinträchtigen. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland dürfte nach Einschätzung des HWWA dagegen nur geringfügig sinken und "auch 2002 deutlich über der von der Regierung angestrebten Marke von 3,5 Millionen" liegen. Das HWWA geht für 2002 von 3,78 Millionen Arbeitslosen aus.

Zur Ankurbelung der Konjunktur hat die Finanzexpertin von Bündnis 90/Die Grünen, Christine Scheel, ein Vorziehen von Teilen der Steuerreform vorgeschlagen. Die für 2005 geplante Senkung der Steuern könne schon 2003 stattfinden, sagte sie. Die SPD hingegen will nichts unternehmen.

Um die Wirtschaftsschwäche zu bekämpfen, forderte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin eine Leitzinssenkung. DIW-Konjunkturexperte Gustav Adolf Horn sagte, die EZB verfüge über den entscheidenden Schlüssel, um die europaweite Abschwächung des Wirtschaftswachstums zu überwinden. Nur mit niedrigeren Zinsen könne die Bundesregierung ihr Ziel von 3,5 Millionen Arbeitslosen im Durchschnitt des Jahres 2002 erreichen. Außerdem solle sie weniger sparen und Investitionen in die Infrastruktur vorziehen.

Auch Elke Schäfer-Jäckel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hält eine Zinssenkung für geboten. "Der geldpolitische Spielraum dafür besteht, außerdem wird die Inflation in der zweiten Jahreshälfte deutlich zurückgehen." Das HWWA hingegen hält eine Senkung der Leitzinsen für falsch. HWWA-Präsident Thomas Straubhaar sagte, in der Geldpolitik sei mit "überstürztem Drehen an der Zinsschraube" und "hektischem Aktionismus nichts zu gewinnen." EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing gab am Montag keine Signale zur zukünftigen Zinspolitik der Zentralbank. Er bekräftigte den EZB-Standpunkt, stabile Preise seien der beste Beitrag der Notenbank zum Wachstum.

Unterdessen erreichte die Inflation in der Euro-Zone im Mai den höchsten Stand seit Anfang 1993. Die Verbraucherpreise seien im Jahresvergleich um 3,4 Prozent nach 2,9 Prozent im April geklettert, teilte das Europäische Statistikamt Eurostat mit. Die Inflation liegt damit weiter über der Marke von 2,0 Prozent, bis zu der nach der Definition der EZB mittelfristig Preisstabilität gilt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben